Ersma sacken lassen

Wir haben schon Mittwoch, das erste Ligaspiel der aktuellen Saison ist also schon ein paar Tage her. Ein Brocken, an dem ich aus vielerlei Gründen ein wenig zu knabbern hatte. Aber von vorne…

Bekanntermaßen habe ich die große Ehre, den Heimspielen als Kommentator des Streams beizuwohnen. Da es sich um die Premiere handelte, noch einige Dinge im Vorfeld noch etwas „auf Kante“ genäht und noch nicht so von der Hand gingen, wie es zukünftig sein sollte, trafen wir uns also schon recht früh im sehr verwaisten Stadion. Eine Atmosphäre, wie ich sie in meiner langen Karriere nicht einmal bei Fortuna Köln erleben musste (frei nach Rolf Töpperwien). Geradezu gespenstische Stille auf den Rängen, wo mit schwindender Zeit zum Abpfiff ansonsten die Zuschauerzahl steigt. Bis auf wenige geladene Gäste und Vereinsmitarbeiter niemand vor Ort. Nun gut. Die letzten Absprachen getroffen, Soundcheck, an der Technik nochmal gefeilt… Man will ja, dass alles fluppt.

Der Stream begann, wir erzählten fleißig bis zum Anpfiff und darüber hinaus. Ein paar Abstimmungsprobleme hier und da – so weit, so gut. (Anmerkung: „So gut“ aus Kommentatorensicht. Wir können ja nichts für Abbrüche, Anmeldeprobleme oder nicht funktionierende Browser auf Smart-TVs.)

Das Spiel selbst – immerhin ging ich mit recht hoher Erwartungshaltung (Meisterkandidat gegen Aufsteiger – hallo?) in die Partie – war leider gar nicht nach meinem bzw. unser aller Geschmack. In der ersten Halbzeit nicht zwingend genug, zwar mit mehr Ballbesitz, aber weitestgehend ohne echte Chancen, in der zweiten dann besser, mit ein paar Großchancen durch Backszat und Engelmann, dann der Führung durch ebenjenen. Leider konnte RWE keinen weiteren Profit daraus schlagen, die beste Chance vergab (leider mal wieder) Endres, als er recht frei vor dem Kasten nach einem Konter nur den Keeper traf. Ich bin sicher, wäre dies ein Treffer gewesen, wäre die Laune rund um die Hafenstraße in den folgenden Tagen besser gewesen.

Stattdessen bäumte sich Wiedenbrück in den letzten 15 Minuten noch einmal auf, erspielte Angriff um Angriff. RWE wirkte plötzlich unsicher und zerfahren und hatte Glück, dass kurz vor Schluss noch Davari den Fuß im Weg hatte, bevor in der 3. Minute der Nachspielzeit das passierte, was wir Rot-Weisse gefühlt dreimal zu oft erlebt haben. Sonntagsschuss – Spielverlauf ad absurdum geführt.

Das alleine hätte vermutlich schon gereicht, mir mindestens den Sonntag zu verhageln. Als ich jedoch im Nachlauf des Spiels die ersten Kritiken zu unserem Kommentar las, wurde aus „genervt“ ein „verärgert“. „Labertaschen“ und „Dummschwätzer“ waren noch die harmlosesten Ausdrücke, ja, manche wünschten sich gar die Option, den Kommentar abzustellen und nur Stadionatmo (sic!) zu hören.

Das Spiel an sich gab nicht viel her, aber wir hatten mit Felix Herzebruch glücklicherweise einen Spieler zu Gast, der nicht wortkarg daherkam. Stattdessen erfuhren wir, dass man als Spieler, der nicht im Kader ist, beispielsweise nicht in die Kabine geht zur Pause. Dass es natürlich einen Unterschied macht, ob man auf Kunstrasen spielt oder nicht. Und so weiter, und so weiter.

Gott sei Dank sind die lautesten wie so oft in der heutigen Zeit nicht in der Überzahl, in der Zwischenzeit erreichte uns auch sehr viel mehr positives Feedback, gerade auch zu „watt“ und „datt“. Und mal ehrlich: Wir sind ja hier nicht bei Sky oder DAZN, wir sind immer noch beim geilsten Club der Liga, bei RWE!

Ja, wir nehmen Kritik gerne an, aber dann bitte sachlich und vor allem möglichst präzise. Mit „war Scheiße“ kann nun wirklich niemand etwas anfangen. Eine Sache haben wir aber schon ganz dick in unser Aufgabenheft fürs nächste Spiel geschrieben: Ein Fazit vor Spielende wird es nicht mehr geben!

Statt des erwarteten Sieges also nur ein Punkt gegen Wiedenbrück. Es bleibt zu hoffen, dass Christian Neidhart schnell die Hebel findet, die Mannschaft auf die richtige Spur zu bringen. Nach dem Pokalkracher gegen Bielefeld (bei dem 100 ausgeloste Zuschauer ins Stadion dürfen – siehe hier) muss RWE beim BVB II – vielleicht DEM Top-Konkurrenten im Kampf um die Meisterschaft ran. Dann werden wir schon den vierten Spieltag und vielleicht sogar schon 8 Punkte Rückstand auf Platz 1 haben. Keine leichte Situation, aber gemeinsam kommen wir da schon ran. Vor allem, wenn die Saison durchgespielt werden kann und noch 39 Partien kommen.

Also: Unentschieden nochmal sacken lassen, Montag das Spiel gegen Arminia genießen und befreit aufspielen, dann Fokus auf die Borussen!

Nur der RWE!

Little Big Adventure

Am morgigen Samstag startet die Regionalliga für RWE mit dem Heimspiel gegen den SC Wiedenbrück. Für mich wird es der vorläufige Höhepunkt meiner Reise als Blogger werden.

Was mit einem ausführlichen Halbzeit- und Schlussfazit über Whatsapp an ein paar Kumpels begann, wurde 2016 zu diesem schmucken Blog hier. Mehrere hundert Follower über die verschiedenen Netzwerke mit den entsprechenden Zugriffszahlen zeigen mir, dass ich zumindest auf einem guten Kurs bin und zumindest mit meiner Sichtweise nicht komplett daneben liege.

Über diesen Blog bekam ich zudem die Gelegenheit, mich in den letzten anderthalb, zwei Jahren für Radio Hafenstraße zu engagieren und die rot-weissen Spiele auch live zu kommentieren. Dafür bin ich Alessandro, Schmiddy, Picke und Christopher auch sehr dankbar. Höhepunkte dabei waren sicher letzte Saison die Last-Minute-Siege gegen Dortmund oder Köln, aber auch das 3:0 an der Emscher. Nicht so schön war es, dem Verl und Rödinghausen bei der Demontage unserer Mannschaft zuzusehen (wobei ich immer noch behaupte, dass wir gegen Verl dem Ausgleich näher waren als die dem 1:3).

Dass Corona uns allen in die Aufstiegssuppe spucken würde, konnte sicher niemand in der Form noch im März sagen. Kurz vor dem möglichen entscheidenden Spiel gegen Verl wurde die Saison bekanntermaßen unter- und später komplett abgebrochen. Um die genervte Stimmung – auch meine eigene – etwas aufzumuntern, verfasste ich einen Liveticker zu einer Partie, die niemals stattfand. Dieser fand bei Fans und Verein tollen Anklang und ich bekam ein bis dahin unbekanntes Feedback auf allen Kanälen. Es folgten einige weitere virtuelle Ticker im Rahmen der Kampagne von RWE inklusive kurzen Gastauftritten in Beiträgen der Sportschau (DER SPORTSCHAU!!!1!) aber das ist natürlich alles kein Vergleich zu echten Partien. Der Rest ist bekannt, Verl spielt nun in der dritten Liga, wir müssen einen neuen Anlauf nehmen. Personell bestens gewappnet, dank Sascha Peljhan wirtschaftlich deutlich besser abgesichert als die meisten Konkurrenten.

Jetzt geht es also endlich wieder „in echt“ um Punkte in der Liga. RWE hat sich entschieden, eine hochwertige Livestream-Produktion der Heimspiele anzubieten. Ich fühle mich sehr geehrt, Teil des mit „reichlich emotionaler Subjektivität“ ausgestatteten Kommentatoren-Duos zusammen mit Christian Ruthenbeck – vielen bekannt als „Aufstellungs-Ansager“ auf dem Rasen – zu werden.

Nun weiß ich ja, wie kritisch Dinge rund um RWE bei vielen Fans beäugt werden, vielleicht kritischer als bei jedem anderen Verein dieser Welt. Jeder kleine Fehler wird zu einem großen Ballon aufgebläht, jedes Wort auf die Goldwaage gelegt und in allem böse Absicht gesehen (blaue Schuhe jemand?). Bitte seid versichert: Wir alle geben unser Bestes, um den Verein auf bestmögliche Art und weise zu unterstützen. Aber: Wir sind halt auch alle nur Menschen. Ob nun Kommentatoren, Regie, Kameraleute, whatever…

Ich bin mir relativ sicher, dass trotz erfolgreicher Tests unter der Woche noch nicht alles so verlaufen wird, wie es vorher durchgespielt wurde. Da fällt hier eine Kamera aus, da stolpert jemand über ein Kabel, jemand verwechselt einen Spielernamen und so weiter, und so weiter. Bitte seht uns das nach, übt gerne Kritik – gerne über Social Media, aber verzichtet auf Shitstorms und bleibt sachlich. Ja, andere Clubs kriegen dies und das besser und vielleicht auch günstiger hin, aber dafür kriegt man dort halt auch nicht RWE geboten. *Zwinkersmiley*

Wir werden uns nach dem ersten Spiel zusammensetzen und darüber sprechen, wie die Premiere verlaufen ist und welche Schrauben gedreht werden können. Auch deshalb ist euer Feedback immens wichtig. Wir – das „Stream-Team“ – haben weitere Ideen, wie das Angebot erweitert werden kann, aber das primäre Ziel, die möglichst störungsfreie Übertragung der Partien, hat erst einmal Vorrang.

Wie einleitend erwähnt: Es ist für mich der vorläufige Höhepunkt, mein persönliches kleines Abenteuer. Trotzdem würde ich mich freuen, wenn dieses Abenteuer schnell zu einem Ende käme, denn das würde bedeuten, dass ihr alle wieder neben mir im Stadion stehen, sitzen, hüpfen, klatschen und gröhlen könntet. Fußball ohne Fans ist halt nicht dasselbe.