Volleyball in Biedenkopf

In meiner neuen Kategorie „Abseits“ werde ich in losen Abständen über Geschehnisse berichten, die mich fernab des (rot-weissen) Fußballs bewegen.

Als erstes Thema habe ich mir nichts weniger als die Deutschen Meisterschaften im Volleyball der U16 männlich (heißt tatsächlich so) ausgeguckt. Diese fanden an diesem Wochenende im hessischen Biedenkopf statt.

Ich möchte ausdrücklich betonen, dass die folgende Schilderung ausdrücklich subjektiv ist und nicht im Namen des VV Humann Essen erfolgt oder dessen Meinung widerspiegeln muss.

Vorab zur Erklärung für alle Volleyball-Frischlinge: Die Teilnahmeberechtigung erhält man, indem man in den sogenannten „Regionalmeisterschaften“ das Finale erreicht (es gibt eine Ausnahme, die den Ausrichter mit ins Boot holt, aber das geht hier zu weit) – im Falle „unseres“ Team, der U16 des VV Humann Essen war dies gelungen, man hatte zudem den FC Junkersdorf aus Köln im Finale besiegt und konnte somit als Westdeutscher Meister nach Biedenkopf fahren.

Der Tross startete bereits Freitag und auch viele dazugehörige Eltern (nennen wir sie liebevoll „VVH Ultras“) konnten es einrichten, das Wochenende vor Ort in der Halle zu verbringen, sodass für entsprechende Atmosphäre ebenfalls gesorgt war. Auf dem Weg nach Hessen erfuhren wir, dass einer der beiden etatmäßigen Zuspieler umgeknickt war und wohl nicht zum Einsatz kommen können würde. So musste also bereits vor dem Turnier die erste Kaderumstellung erfolgen. Da wir exakt diese Situation quasi am eigenen Leib kurz vor der Westdeutschen Meisterschaft erlebt haben, kann ich nachempfinden, was dies zumindest bei den Eltern ausgelöst hat (die trotzdem natürlich mit ganzem Herzen dabei waren). Für den betroffenen Spieler eine absolute Katastrophe – an dieser Stelle nochmal alles Gute.

Im Vorfeld haben wir in einer Art „Undercover-Mission“ ein kleines Motivationsvideo zusammengestellt, das ich aufgrund diverser Screenshots mit Handynummern nicht hier einstellen kann und will. Dieses Video habe ich dann am späten Abend in unserer WhatsApp-Liveticker-Gruppe platziert, sodass es bei Trainern und Mannschaft ebenfalls ankam. An dieser Stelle nochmal: Ich hoffe, es hat seinen Zweck erfüllt.

Die Veranstaltung begann mit einer – im Vergleich zu den drei anderen Turnieren dieser Art, die ich bisher miterleben durfte – recht lieblos gestalteten Eröffnungsfeier. Bei Ankunft in der Halle war keine Musik zu hören, stattdessen nur das Gemurmel von den Rängen. Irgendwann ergriff dann jemand das Mikro, sagte „jetzt geht es los“ und die Mannschaften liefen zunächst ohne namentliche Nennung in die Halle ein und reihten sich jeweils hinter einem mit ihrem Vereinsnamen beschrifteten Eimer (!) mit Klatschpappen (!!!) auf. Erst nachdem alle Teams versammelt waren, wurden die Vereine heruntergerattert, bevor mit einer gefühlt 30sekündigen Rede die Spiele für eröffnet erklärt wurden. Hier wurde eine große Chance vertan, das Publikum „mitzunehmen“ und den Mannschaften die Aufmerksamkeit der Zuschauer zukommen zu lassen, die sie sich durch die Qualifikation verdient gehabt hätten. Dazu später mehr.

Also ging es nach knapp 10 Minuten nach nebenan in Halle Nummer zwei (die DM werden immer parallel in zwei Hallen gespielt). Zum System: Vier Vierergruppen, die Gruppenersten sind direkt im Viertelfinale, die Gruppenzweiten spielen gegen einen Gruppendritten eine Art Viertelfinale, während die Gruppenvierten „jeder gegen jeden“ Platz 13-16 ausspielen. Ein Spiel um Platz 3 findet aus Zeitgründen dabei nicht statt, während alle anderen Platzierungen ausgespielt werden.

Es ist kaum möglich, an dieser Stelle besondere Spielzüge zu erklären oder auf einzelne Ballwechsel einzugehen. Ich möchte jedoch festhalten, dass von Anfang an jeder Ball mit viel Leidenschaft und Einsatz gespielt wurde. Immer wieder wurden Bälle dem Gegner um die Ohren gehauen, zwischendurch mal eine Finte eingebaut, und jeder erzielte Punkt auf Feld, Bank und Tribüne frenetisch gefeiert. Da es im Volleyball kaum möglich ist, einen Satz zu null zu gewinnen, wurden auch Rückschläge routiniert weggesteckt.

Als erster Gegner in der Gruppenphase sollte der CV Mitteldeutschland (2. Nordost) auf unsere Truppe warten. Und das Team begann wie ein D-Zug: Mit 25:8 konnte der erste Satz gewonnen werden. Dabei besonders bemerkenswert: Alle gegnerischen Punkte wurden durch eigene Fehler verursacht. Der zweite Satz startete etwas zäher, aber auch dieser wurde deutlich (25:15) gewonnen und damit die Basis für das Erreichen des Turnierziels (mindestens Platz 9) gelegt.

In Partie Nummer zwei traf der VVH auf den TSV Schmiden (2. Süd). In einer mitreißenden , lange ausgeglichenen Partie konnte auch hier mit 25:20 / 25:16 der Sieg eingefahren werden, was aufgrund der jeweiligen Niederlagen von Schmiden und Mitteldeutschland mit dem sicheren Platz zwei in der Gruppe gleichzusetzen war. Somit war auch mindestens der 12. Platz für unser Team sicher.

Abschließend ging es dann gegen den VC Dresden (1. Ost) um den Gruppensieg. Die Dresdener landen regelmäßig in den überregionalen Turnieren vorne und galten daher als klarer Favorit in der Partie. Es schien zunächst, als sollte der VCD dieser Favoritenrolle auch gerecht werden, doch unsere Jungs hängten sich mit vollem Einsatz in die Partie und kämpften sich nach einem 7:11-Rückstand zu einer 16:15-Führung. Danach sollten jedoch nur noch drei Punkte aufs Essener Konto wandern, sodass dieser Satz mit 19:25 verloren ging. Den zweiten Satz konnten die Dresdener dann trotz guter Gegenwehr mit 18:25 ebenfalls nach Hause bringen, sodass unsere Jungs den Umweg über die Zwischenrunde nehmen mussten.

Da Trommeln beim Turnier per Hausordnung verboten waren, haben die Dresdener „Schlachtenbummler“ sich einen Trick ausgedacht. Man hatte nämlich genau aufgepasst, dass nur Trommeln verboten sind, aber von Eimern hatte wohl niemand was gesagt. Also funktionierte man den „Einmarsch-Eimer“ kurzerhand um und fand sich ganz toll dabei, sein Team „auch in den schlechten Zeiten zu unterstützen, nicht so wie die Schönwetterfans aus Essen – auch wenn es nicht so viele schlechte Phasen gab“. Hierzu ein herzliches Gäääähn in den Osten. Das passt zum Bild, das Team und Trainer abgeben. Vielleicht beim nächsten Mal beim Lästern besser aufpassen, wer daneben sitzt…

Gegner in der Zwischenrunde waren die Sportfreunde Harteck (2. Südost). Bereits beim Stand von 4:0 zog der gegnerische Trainer die erste der beiden pro Satz möglichen Auszeiten, um sein Team aufzurütteln – vergeblich: Über 8:1 und 16:5, einem per Kopf ins gegnerische Feld geblockten Ball und vier vergebene Satzbälle konnte der erste Satz mit 25:14 gewonnen werden. Der anstrengende Tag forderte aber zunehmends Tribut, und so bekam Harteck Oberwasser. Zwischenzeitlich liefen unsere Jungs einem 11:15-Rückstand hinterher, der Ausgleich konnte erst beim Stand von 17:17 bejubelt werden. Ein Netzaufschlag der Gegner zum 25:23 bedeutete jedoch den Einzug ins Viertelfinale und damit mindestens Platz 8 der Gesamtwertung – Ziel erreicht, ab hier ist alles Bonus!

Dieses Viertelfinale war dann das erste Spiel des heutigen Sonntags. Und dieses Spiel war einfach der Wahnsinn! Der Gegner vom TSC Berlin (Nordost 1) – seines Zeichens Volleyballinternat brachte Ball um Ball ins Spielfeld und zog schnell auf 3:9 davon. Die Jungs schafften jedoch eine tolle Aufschlagserie und kamen auf 8:9 heran und gingen später mit 17:13 (nach 10:13) in Führung. Doch dies reichte nicht ganz aus, die Berliner arbeiteten sich wieder heran und konnten den Satz doch noch mit 21:25 für sich entscheiden.

Ein solcher Rückschlag bedeutet gegen einen so übermächtig erscheinenden Gegner – Berlin hatte am Vortag in keinem Satz mehr als 18 Punkte abgegeben – oft die Vorentscheidung. So schien es dann auch, als in einer Art Blaupause des ersten Satzes ein schneller 3:8-Rückstand aufgelaufen war. Doch unser Team zeigte Kämpfertugenden und erzwang sich dank acht Punkten in Folge ein erneutes 17:13. Und dieses Mal reichte es zum Satzgewinn, mit 25:22 wurde der Tie-Break erzwungen. Dieser war an Dramatik kaum noch zu überbieten. Die Stimmbänder am Anschlag, die Hände wundgeklatscht, lag das Team zum finalen Seitenwechsel mit 5:8 zurück. War es das? Pustekuchen. Auch hier: Moral und Einsatz, Ausgleich zum 10:10, eine 13:11-Führung. Aber diese verdammten zwei Punkte sollten nicht mehr fallen, am Ende behielt der Favorit mit 13:15 die Oberhand und sicherte sich mit dem Einzug ins Halbfinale mindestens die Bronzemedaille, während unsere Jungs ob der knappen Niederlage am Boden zerstört waren. So nah dran an der Sensation, nun doch „nur“ in der Runde um Platz 5-8.

Aus dem Frust wurde schnell Trotz, als neues Ziel wurde nun Platz 5 ausgegeben. Gegner nun TuS Kriftel (Südwest 1). Erneut mussten wir auf der Tribüne alles geben, um das hohe Niveau der Jungs mittragen zu können. Und was bitteschön war das für eine Partie? Die Führung sprang hin und her, der Satz ging gar in die Verlängerung, und erst der sechste (!) Satzball konnte zum 29:27 verwandelt werden. Ganz ehrlich: Spannender kann auch ein WM-Endspiel-Elfmeterschießen nicht sein. Nichts für schwache Nerven.

Satz Nummer zwei hatte ebenso in sich. Zwar spielte unser Team nun mit der Führung im Rücken befreit auf und erarbeitete sich ein dickes Punktepolster, beim Stand von 21:13 machte ich jedoch den Fehler, den Ticker wissen zu lassen: „Das müsste schon seeehr schief gehen.“ Karma is a bitch! 21:14, 15, 16… Kriftel kam immer näher. 23:19. 23:20. 23:24!!! Satzball Kriftel. Nach DIESER Führung!? Erneuter Ausgleich. Matchball! Und JAAAAAAAA, 26:24, Platz 6 sicher!

Im Spiel um Platz 5 kam es somit zur Wiederholung des Finales um die Westdeutsche Meisterschaft gegen unsere „Freunde“ vom FC Junkersdorf Köln. Ein letztes Mal alles in die Waagschale werfen, einen weiteren Ausfall im Team kompensieren, alles geben! Im ersten Satz konnte der VVH bis auf das 0:1 und das 9:10 immer in Führung bleiben und mit 25:20 diesen für sich verbuchen. Im zweiten Satz machte sich der Ausfall des zusätzlichen Angreifers aber mehr und mehr bemerkbar, nach gutem Anfang hieß es zwischenzeitlich 12:18 und am Ende 17:25 – erneuter Tie-Break.

Im Finale der WDM konnten unsere Jungs diesen noch für sich entscheiden – doch diesmal sollte es einfach nicht sein. Nach gutem Anfang lag man beim Seitenwechsel erneut mit 5:8 hinten, dann hatte der FCJ beim Stand von 10:14 vier Matchbälle. Drei davon konnten erfolgreich abgewehrt werden, sodass der Kölner Trainer als letzte Maßnahme noch einmal eine Auszeit nahm. Leider wurde der folgende Ball vergeben, sodass der Satz mit 13:15 verloren ging. Egal: Den Titel „Westdeutscher Meister 2019“ nimmt dem VV Humann auch kein Spiel um die goldene Ananas mehr. 🙂

Im Finale gewann die TSV Grafing gegen die oben erwähnten Berliner, sodass als kleines Trostpflaster verbleibt, gegen einen Finalisten ausgeschieden zu sein.

Unter dem Strich steht somit ein sechster Platz bei den Deutschen Meisterschaften für den VVH. Sechster in einem Feld von Leistungsstützpunkten, Internaten, zusammengecasteten Teams, sechstbestes Team in ganz Deutschland. Und Team darf in diesem Fall auch wörtlich genommen werden. Hat man bei einigen Vereinen das Gefühl, dass es sich eher um Zweckgemeinschaften handelt, so war doch deutlich zu spüren, wie jeder für jeden arbeitet, wie man zusammen für den Erfolg arbeitet. Unsere kleine „Volleyball-AG“ hat sich im bundesweiten Vergleich hervorragend präsentiert und muss sich mit der gezeigten Leistung keineswegs verstecken. Ganz im Gegenteil: Ihr könnt stolz auf das Erreichte sein! Genauso sind wir stolz auf euch!

Nun noch die versprochenen Worte zum Turnier-Umfeld: Positiv zu bewerten sicherlich die Nähe der beiden Hallen, auch zu den unmittelbar nebenan liegenden Mannschaftsunterkünften in der Jugendherberge. Hervorragend auch der Einsatz an den üblichen Kaffee- und Kuchenständen, sehr fröhliches und freundliches „Personal“ dort! Absoluter Pluspunkt.

Aber: Wenn man sich damit rühmt, seit Neunzehnhundertdrölfig (Zahl vergessen) zum elften Mal schon eine Meisterschaft auszurichten, so empfinde ich es für völlig unverständlich, wie wenig emotional die Eröffnung gestaltet wurde. Hier haben andere es vorgemacht: Eine Art „olympischer Eid“ der Kapitäne, die Regeln und Gegner zu achten, oder zum Beispiel mal die Flaggen der Bundesländer aufhängen (sind die nicht sogar Verbandsvorgabe?). Ihr (TV Biedenkopf) habt eine große, relativ moderne Halle. Warum nutzt ihr nicht wenigstens im Finale die Anzeigetafel an der Decke? Euer orangefarbener Klebepunkt für die Stirn, Stichwort DSVGO – er mag rechtlich in Ordnung gehen, aber findet ihr das selbst nicht lächerlich? Wer guckt die Fotos denn durch, ob da nicht irgendwer mit so nem Punkt im Publikum sitzt?! Technik: Internet kennt ihr sicher. Warum nicht ein Monitor mit den Ergebnissen irgendwo? Oder mit nem Beamer auf die Wand geworfen? (Ich weiß nicht, wie es in der Haupthalle war, da wir unsere Spiele allesamt in der Grundschule bestreiten durften.) Ehrlich, das hatte Dorfclub-Feeling und war insgesamt einer DM nicht würdig.

Abschließend möchte ich Dank loswerden: Dank an die Jungs, die uns ein tolles Wochenende bereitet haben, Dank ans Trainerteam, das an den passenden Schrauben gedreht hat, Dank an alle, die vor Ort ihren Teil beigetragen haben und Dank an alle, die vor dem Liveticker die Daumen gedrückt haben. Und natürlich von Herzen ein dickes DANKE SCHÖN für das große Lob zu Video und Ticker – ICH HABE ES SEHR GERNE GEMACHT!

Nachdem wir nun alle wieder zu Hause sind, wird es nun in den kommenden Wochen etwas ruhiger. Ein paar Beachturniere stehen an, bevor es dann nach den Sommerferien in der U18 als jüngerer Jahrgang weitergeht. Ich freue mich schon jetzt darauf!

Ausgeprögert

Ich weiß es noch ganz genau: Es war der 30.07.2017 (okay, DAS habe ich nachgeguckt), die Sonne brannte, in der benachbarten Westfalenhalle fand der Bundeskongress der Zeugen Jehovas statt. Im Stadion Rote Erde in Dortmund jedoch sollte ein Spieler sich mit seinem ersten Pflichtspiel tief in die Herzen vieler RWE-Fans spielen: Kai Pröger.

Dies soll kein Nachruf werden, schließlich ist niemand gestorben. Und doch, weil Pröger für mich und viele andere bis zu seinem Abgang heute ein besonderer RWE-Kicker war, möchte ich ihm diesen Beitrag widmen.

In der Sommerpause vom BFC Dynamo nach Essen gewechselt erfreute der Blondschopf auf der rechten Außenbahn die Anhänger mit seinen Tempoläufen, seinen Zwei- (bzw. oft Drei-/Vier-)kämpfen und sorgte dafür, dass man in Essen wieder Grund zu lächeln nach der mauen Vorsaison hatte.

Kai Pröger verkörperte in den meisten seiner Auftritte das, was an der Hafenstraße gefordert wird. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Immer ein bisschen mit dem Kopf durch die Wand, respektlos (im Sinne von „keine Angst“) den Verteidigern gegenüber. Emotional bei Treffern (Stichwort Handstandüberschlag) und geradezu sinnbildlich für de aktuelle Saison, war es doch seine rote Karte nach einem dummen Einsteigen gegen den SV Lippstadt, das quasi den Beginn des rot-weissen Abwärtstrends darstellen sollte.

Trotzdem: War Pröger auf dem Platz, setzte er zu seinen Sprints an, so hatte man meist das Gefühl: Da geht was. Gerade das machte ihn schnell zum Publikumsliebling.

Doch wo viel Licht ist, da ist auch Schatten: Zwar konnte er (wenn dieses Internetz mich nicht anschwindelt) in 60 Pflichtspielen 18 Treffer erzielen, doch viel zu oft rannte er sich in aussichtslosen Situationen fest. Zudem habe ich manchmal den Blick für den deutlich besseren Mitspieler vermisst, was sich auch in lediglich acht Torvorlagen widerspiegelt.

Nun soll es also der SC Paderborn sein. Jener Club, für den schon RWE-Legende Erwin Koen auflief. Der Verein, der „damals“ mit Brandy, Guie-Mien und Güvenisik vor unserem letzten Spiel (Stichwort Lübeck…) unsere komplette Offensive bereits unter Vertrag genommen hatte, so dass diese sich in Befürchtung eines Fortbestehens ihrer Verträge nicht mehr berufen fühlte, aufs Tor zu schießen. Musste es ausgerechnet Paderborn sein, „Prögi“? Ausgerechnet Paderborn?

Einschub: A propos „Prögi“: Ich finde diese Verniedlichungen ätzend. „Prögi“? Euer Ernst? Davor soll ein Gegner Angst haben? Warum nicht gleich „Pupsimaus“? Das klingt ja fast so gefährlich wie „Wuppi“!

Wie dem auch sei: Über die Transfermodalitäten haben beide Vereine Stillschweigen vereinbart. Das lokale Sport-Fachmagazin kolportiert eine Summe von 25.000 Euro, die ich unter Berücksichtigung der restlichen Vertragslaufzeit für okay halte. Nicht sehr viel, aber sicher auch nicht zu wenig. Und hey, let’s face it: Im Sommer wäre er komplett für lau weg gewesen. Also: Kohle einpacken, danke schön.

Grund zu trauern gibt es indes nicht: Prögers Position dürfte Jonas Erwig-Drüppel sein, der aufgrund der prekären Finanzlage den Wuppertaler SV ablösefrei verlassen durfte. Der Mann, der beim 0:3 am Zoo ein Tor vorbereitete und einen weiteren Treffer selbst erzielte. Ich habe ihn aus der Partie als eine Art „Aggressive Leader“ in Erinnerung, etwas, das wir gut gebrauchen können. Ich sehe ihn – auch aufgrund seiner Erfahrungen im Kader des damaligen Zweitligisten Eintracht Braunschweig (inkl. sechs Einsätzen) – daher um mehr als nur eine Nasenlänge vorne.

Doch zurück zum Star dieses Beitrags:

Lieber Kai, ich wünsche dir viel Erfolg in der zweiten Liga, vor allem Gesundheit. Nimm zwischendurch mal den Kopf hoch und guck nach links, dann kannst du ein ganz Großer werden. Im Zweifel kann ich dir den Kontakt zu Erwin herstellen – der weiß wie das geht!

Die Woche der Wahrheit

War das eine Bombe, die die Verantwortlichen in Wuppertal – kolportiert vom lokalen Sportblättchen – platzen ließen? (Fast) alle Spieler der ersten Mannschaft dürfen noch in dieser Wechselperiode, also bis Ende Januar den Verein ablösefrei verlassen.

Wie der WSV nun auf seiner Homepage mitteilte, müsse man aufgrund des strikten Insolvenzrechts bis Montag, 14. Januar die schicke Summe von 260.000 Euro auftreiben bzw. einsparen, um nicht den Gang zum Amtsgericht antreten zu müssen. In dem Statement (hier nachzulesen) bescheinigt man sich selbst eine geradezu hanebüchene Kalkulation auf Basis einer erhofften Euphorie durch eine ansprechende Saison, schiebt aber den Schwarzen Peter gleichzeitig auch auf den Spielplan der „viele attraktive Spiele in einer unattraktiven Jahreszeit vorgesehen hat“. Will meinen: Wäre beispielsweise das Spiel gegen RWE nicht zuerst auswärts an der Hafenstraße, dafür aber am Zoo ausgetragen worden, hätte man mindestens die doppelte Zuschauerzahl gehabt wie im verregneten Spätherbst, als wir RWE-Fans eh schon wieder die Schnauze voll hatten. HALLO!? Was ist denn das für eine unseriöse Kalkulation? Wo ist die gebotene kaufmännische Sorgfalt? Welcher Steuerberater prüft sowas (ich gehe davon aus, dass entsprechende Testate bei den Lizenzunterlagen vorliegen müssen) (Anmerkung: Ich wurde belehrt, man muss wohl nur eine Bürgschaft vorweisen.)?

Dass man sich auch bei den Transfers verzockt hat, als man mit Malura, Bednarski und Meier gleich drei Essener „Besserverdiener“ angelte und noch dazu Erwig-Drüppel (ebenfalls sicherlich kein finanzielles Leichtgewicht) aus Wattenscheid angelte, liegt zudem auf der Hand, wenn man betrachtet, dass Bednarski und Meier kaum zum Einsatz gekommen sind und das Team insgesamt ebenso weit weg von der Spitze ist wie unser geliebter RWE (bei einem Spiel weniger natürlich).

Ob die Wirtschaft in Wuppertal gewillt ist, einem Verein mit derart desaströsem Finanzgebaren unter die Arme zu greifen, bleibt abzuwarten. Zieht man den Bayer-Konzern ab, bleibt außer Vorwerk kaum ein nennenswertes Unternehmen. Aber vielleicht gilt ja hier, dass viele kleine Beträge einen großen erbringen können.

Doch wie soll es dann weitergehen? Soweit ich es verstehe, sind die 260.000 Euro notwendig, um den Etat dieser Saison zu decken. Für die kommende Saison wird man deutlich kleinere Brötchen backen müssen, und ob Top-Mann Christopher Kramer seinen zum Sommer auslaufenden Vertrag verlängern wird, scheint unter den gegebenen Umständen mehr als fraglich. Es wird also ein ziemlich großer Umbruch, den der WSV dem Vernehmen nach auch mithilfe der eigenen Jugendarbeit vollziehen will und muss. Ex-Mäzen Runge hat zudem im RS angekündigt, für keine weitere Geldspritze zur Verfügung zu stehen.

Sollte das Geld nicht zusammenkommen, wird man wohl auch nicht umhin kommen, Spielern betriebsbedingt zu kündigen. Spannend wird sein, auf wen die Wahl dann fällt. Denn man kann ja auch nicht davon ausgehen, dass alle Spieler a) einen neuen Verein finden oder b) zu reduzierten Bezügen weiter für den WSV spielen. Es werden sicher einige dabei sein, die den Gang vors Arbeitsgericht nicht scheuen werden, um den Vertrag auszusitzen. Ob die Gehälter dafür oder eine bei Kündigung eventuell fällige Abfindung aber überhaupt bezahlbar wären, steht auf einem anderen Blatt.

Meine Vermutung ist im Falle des WSV, dass man die Kurve irgendwie noch kriegt und die Saison mit einer besseren Jugendmannschaft zu Ende spielt.

Während das Schicksal des WSV mich emotional aber eher kalt lässt – vielleicht zuschauermäßig größter Rivale, mehr Hass geht kaum noch auf den Rängen, darüber hinaus mir aber total egal – verbinde ich mit dem zweiten Sorgenkind der Liga durchaus einige nennenswerte – wenn auch nicht immer positive Momente.

Die SG Wattenscheid braucht – ebenfalls bis zum 14. Januar – die stolze Summe von 350.000 Euro und hat dafür ein Crowdfunding ins Leben gerufen, dem aber Stand jetzt rund 234.000 Euro zum Ziel bei noch 6 Resttagen fehlen. Das sieht ganz und gar nicht gut aus.

Sei es die bittere 0:4-Pleite an der Hafenstraße gegen die beiden Altintops, die uns beinahe im Alleingang zerlegten, sei es das umstrittene 2:2, als gegen uns ein Handelfer in der Nachspielzeit gepfiffen wurde, obwohl der Wattenscheider selbst mit der Hand am Ball war, oder das bittere 2:3 der letzten Saison, als gleich zwei Gegentore in der Nachspielzeit fielen, sei es das 4:0 mit Wolf-Dreierpack (Renno und Lintjens bei der SG) oder das 6:0 nach 1:0 zur Halbzeit, diesmal Dreierpack von Kreyer, oder – irgendwie ja auch mit der SG verbunden – der Aufstieg in der Lohrheide gegen die zweite Mannschaft der Blauen – hier ist für mich eine ganz andere Schwingung in der Luft, wenn ich an den Verein denke, der zwar klein und unscheinbar wirkt, aber irgendwie auch immer so eine Art Rivale darstellte. Oder halt Zünglein an der Waage – Stichwort Münster 2002.

Doch dieser Verein glänzt seit dem Rückzug der Familie Steilmann Jahr für Jahr immer wieder mit der Nachricht, dass mal wieder Spielergehälter nicht rechtzeitig gezahlt wurden, dass es hier und da knapp werde, dass dies und das improvisiert werden müsse, weil der Verein blank ist. Und dann macht man sich von einem Unternehmen abhängig, dass das blaue vom Himmel verspricht und mit dem Geldkoffer wedelnd aus der SG den digitalisiertesten Club Deutschlands machen. Auch hier mag ich nicht eine gewisse Blauäugigkeit absprechen, sich dermaßen abhängig zu machen, dass man wie beim jüngst erfolgten Rückzug des Investors vor dem Aus steht.

Ich persönlich halte es für ausgeschlossen, dass es der SG gelingt, die Summe komplett aufzubringen. Selbst wenn noch ein paar dicke Fische mit einsteigen (man munkelt, es sei ein Ersatzgeldgeber für das zurückgezogene 100.000 Euro-Investment gefunden), wird es wohl nicht mal knapp. Wie die Konsequenzen aussehen, vermag ich nicht zu sagen. Ich fürchte jedoch, dass hier eine Insolvenz samt Zwangsabstieg und Rückzug der Mannschaft ins Haus steht. Meiner Meinung nach ist dies aber auch ein lange überfälliger Schritt, da die aktuellen Verhältnisse für Spieler, Fans und Mitarbeiter alles andere als tragbar sind.

Nicht unerwähnt möchte ich an dieser Stelle noch den TV Herkenrath lassen, seines Zeichens Aufsteiger, aber auch derzeitiger Tabellenletzter, der sich ebenfalls finanziell übernommen zu haben scheint. Da der Verein insgesamt nicht so im Rampenlicht steht wie die beiden vorgenannten Clubs, fehlt mir hier der weitere Einblick. Ich habe aber heute gelesen, dass man sich bereits in dieser Wechselperiode von 16 (!) Spielern getrennt habe. Für die TV Herkenrath ist die Regio daher ein Abenteuer, das teuer bezahlt wurde.

Ob der große DFB sich der Problematik der quasi unstemmbaren Finanzen annimmt, wage ich zu bezweifeln. Zu hoch das Ross, auf dem man in Frankfurt sitzt, um ernshaft wahrzunehmen, was „die da unten“ für Probleme haben. Spitz gesagt: „Selber Schuld, haltet eure Kohle zusammen.“ So oder so ähnlich kann man wohl formulieren, wie die Oberen des Verbandes auf die Stiefkinder in der „Champions League der Amateure“ herunterschauen. Und mag daran auch ein wenig Wahrheit sein, so sollte man nicht vergessen, dass diese „Kleinen“ die Basis für die „Großen“ sind, die die wertvollen Talente erst ans Licht der Öffentlichkeit (der Scouts) bringen. Gehen diese Vereine verloren, so gehen damit auch Möglichkeiten für die Kinder verloren, Fußball zu spielen, sie weichen auf andere Sportarten oder Hobbys aus und werden vielleicht nie „Germanys Next Top-Mario“. Eine Reform der Ligen (Zweitvertretungen von Proficlubs raus, zwei- oder dreigleisige Regio) ist meines Erachtens unverzichtbar. Doch das nur am Rande.

Abschließend möchte ich den Blick nochmal auf den RWE lenken. Was haben die Kritiker nicht alle gelästert, von „wir sind ein Sportverein, keine Bank“ bis zu „wenn man die Kohle nicht raushaut, steigen wir nie auf“. Man sieht nun, dass der von Welling begonnene und von Uhlig fortgeführte Kurs der konservativen Haushaltsplanung der absolut richtige, weil einzig nachhaltige ist, wenn man nicht wie Viktoria oder der SV Rödinghausen auf potente Geldgeber zurückgreifen kann. Dass wir sportlich nicht da stehen, wo wir alle den Verein gerne sehen möchten, das ist außer Frage. Dieses Ziel darf aber nicht zulasten einer stabilen Finanzierung angestrebt werden. Vielmehr muss das Ziel heißen, die vorhandenen und sicher nicht geringen Mittel besser einzusetzen, d.h. Spieler zu verpflichten, die sich nicht auf der Bank / Tribüne wundsitzen, sondern die wirklich weiterhelfen. Ich nenne bewusst an dieser Stelle keine Namen aus dem aktuellen Kader, da ich den Spielern auch keine Absicht unterstellen will. Aber wer erinnert sich denn an die besten Spiele eines Henrik Gulden, eines Stefan Thelen oder eines Iyad Al-Khalaf? Solche Leute gehören nicht in den Kader. Punkt.

Jürgen Lucas ist nun sicher gefragt, gutes Personal aus Wuppertal und vielleicht auch Wattenscheid zur Hafenstraße zu lotsen. Aus Wuppertal wäre der genannte Erwig-Drüppel für mich so ein Kandidat, ebenso der defensive Mittelfeldmann Kühnel, Adrian Schneider ist in Wattenscheid zu einem echten Leader gereift. Kramer aus Wuppertal wäre wohl ein Traum, aber aufgrund seiner grandiosen Leistungen und der Auflage einer Ablöse utopisch. Da werden auch ganz andere Portemonnaies gezückt als unsere, ganz sicher. Ich halte übrigens nichts von Rückholaktionen aus Wuppertal *zwinker, zwinker*

Wie dem auch sei, ich bin froh, dass RWE auf wirtschaftlich stabilen Beinen steht. Auch wenn Uhlig angekündigt hat, für die kommende Saison an einem Spitzenteam zu arbeiten (was im Übrigen auch schon wieder aufs zynischste in den Facebook-Gruppen ausgeschlachtet wurde), so wird er sicher nicht das Risiko eingehen, den Verein finanziell aufs Drahtseil zu führen. Und darum bin ich mehr als nur froh, denn solche Tage und Nächte, wie sie den Anhängern in Wattenscheid und Wuppertal bis kommenden Montag bevorstehen, möchte ich nicht mehr erleben müssen.

In einer Woche wissen wir mehr.