Nix zu holen bei den Fohlen

Ein weiser Mann* schrieb nach der heutigen Partie gegen die Zweitvertretung von Borussia Mönchengladbach:

„Immer wenn du denkst, dass du mit Rot-Weiss Essen das Licht am Ende des Tunnels siehst, steht da am Ausgang jemand und schaltet hämisch lachend das Licht aus.“

Tja, das beschreibt die Situation um unseren Lieblingsclub eigentlich sehr gut. Nach dem tollen Saisonstart und den durchwachsenen Ergebnissen der vergangenen drei Partien – die aus moralischer Sicht kaum zu kritisieren waren – war RWE gefordert: Viktoria und Dortmund hatten gestern ihre Spiele gewonnen und es galt, den Kontakt zu halten. Die Hoffnung, die Saison könnte mit dem Platz an der Sonne gekrönt werden, die wohl jeder RWE-Fan mehr oder weniger insgeheim hatte, diese Hoffnung zerfällt gerade ein wenig.

Vorweg: Die Partie heute durfte ich zudem als Co-Kommentator von Radio Hafenstraße mit übertragen und so eine völlig neue Perspektive erleben. Da sieht man mal, dass es nicht so leicht ist, die komplette Spielzeit dauerhaft mit Inhalt zu füllen. Trotzdem hat es sehr viel Spaß gemacht, die Ereignisse auf dem Platz zu schildern. Ich hoffe, ich habe meinen Job gut gemacht. Jederzeit gerne wieder!

Diesmal gab es eine Änderung in der Aufstellung: Für den zuletzt glücklosen Wirtz kam Urban von Beginn an zum Einsatz, Grund rückte dafür in die Zentrale, Baier gab die hängende Spitze.

Von Beginn an war das Spiel zunächst geprägt von viel „Klein-klein“ im Mittelfeld. Die Fohlen riegelten ihre Hälfte im „Mitteldrittel“ des Spielfeldes ab und zwangen RWE damit immer wieder zu Fehlpässen im Mittelfeld oder zu langen Bällen über außen, die aber nicht den notwendigen Druck aufbauen konnten, das Spiel weiter nach vorne zu verlagern. Und so dauerte es gut 20 Minuten, bis mal etwas wie Torgefahr aufkam: Heber setzt sich außen durch und schlägt einen scharfen Pass in die Mitte, der nur knapp von den Gladbachern geklärt werden kann.

Wenig später erkämpft sich Scepanik den Ball durch Anlaufen des Innenverteidigers, Baier nimmt den Ball auf, zieht in den Sechzehner – der Ball streicht Zentimeter am Kasten vorbei. Einen Moment später wird Bichler rechts geschickt, flankt halbhoch in die Mitte, wo Scepanik das Kunststück schafft, am Ball vorbeizutreten. Drei dicke Chancen, dreimal vergeben.

Chancen danach auch auf der anderen Seite. Zuerst kombinieren sich die Gladbacher in unseren Strafraum – Raeder klärt per Fußabwehr. Dann fliegt ein langer Ball über alle hinweg und landet im Sechzehner beim völlig blank stehenden Kraus, der den Ball noch in aller Seelenruhe annehmen kann – und dann daneben schießt. Dann jedoch das Tor des Abends: aus einer Körperdrehung wird ein Ball schnell hinter Zeiger und Becker durchgesteckt, Pisano kann sich die Ecke ausgucken – keine Chance für Raeder. Diese drei Szenen fanden innerhalb von nur drei Minuten statt…

Einerseits hatte sich RWE zu diesem Zeitpunkt gerade etwas Oberwasser herausgespielt, andererseits auch um das Tor gebettelt. Einfach unfassbar. Doch RWE hatte noch die Chance zum Ausgleich vor der Pause: Wieder über rechts eine Flanke in die Mitte, die Brauer aufs Tor verlängert – Pfosten. Der Abpraller von Baier wurde leider dann zur Ecke geblockt, die keine Gefahr einbrachte. Mit 0:1-Rückstand ging es also in die Pause.

Nach dem Wechsel verlegten sich die Gladbacher darauf, Zeit von der Uhr zu nehmen. Entlastungsangriffe gab es nur noch sporadisch und halbherzig. Stattdessen baute RWE mehr Druck auf, konnte jedoch auch hier zunächst nicht die gut organisierte Fohlen-Abwehr durchbrechen. Es dauerte bis etwa zur 60. Minute, bis RWE sich erstmals eine Chance herausarbeiten konnte. Kevin Grund kam im Sechzehner zum Abschluss, wurde aber dabei durch einen Abseitspfiff jäh unterbrochen – aus meiner Position leider nicht aufzulösen, ob der Schiri hier richtig lag.

Wenig später schraubte Karsten Neitzel das Risiko erneut hoch, nahm den soliden Urban vom Platz und brachte Enzo Wirtz für die Zentrale, während sich Grund wieder hinten links einsortierte. Doch auch in dieser Partie war es wieder ein Standard, der für Gefahr sorgen sollte: Freistoß aus dem Halbfeld von Baier, Zeiger verlängert – und der Pfosten rettet erneut. Der Ausgleich wäre zu diesem Zeitpunkt sicher verdient gewesen, denn hier dominierte nur RWE die Partie.

Der Alu-Treffer wirkte nochmal beflügelnd, doch mehr als ein paar Eckbälle kamen am Ende nicht heraus, auch wenn eine davon gerade noch auf der Linie geklärt werden konnte. Auch ein Schuss von Wirtz kullerte am Tor vorbei, so dass es bei dem 0:1 leider blieb.

Somit ist RWE nun seit vier Spielen ohne Sieg, hat nur zwei von zwölf Punkten geholt, was sicher angesichts des guten Saisonstarts zu wenig ist. Von der Moral her gesehen gibt es erneut kaum Grund zur Kritik, die Mannschaft hat sich unmittelbar nach dem Gegentreffer aufgerappelt und gegen die Niederlage gestemmt – man müsste nur mal das Tor auch irgendwann machen. Deutlich zu bemerken ist das Fehlen eines Unruhepols wie Pröger oder auch Platzek einer wären – hier ist zu wenig Unruhe im Zentrum. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es richtig war, nicht auf Teufel komm raus noch einen Spieler zu verpflichten und so die eigenen Spieler als „nicht gut genug“ zu brandmarken, was sicher Vertrauen gekostet hätte. Zu den Verletzten kam noch diese unsäglich dumme rote Karte, die sicher auch nicht in der Form einkalkuliert wurde. Natürlich gibt es auch genügend Argumente in die andere Richtung, aber das ist vielleicht mal ein Thema für einen späteren Beitrag.

Fakt ist jedoch: Der Kontakt zur Spitze ist erst mal weg, am Sonntag gegen Aachen muss gewonnen werden, komme, was wolle. Und damit haben wir wieder ziemlichen Druck auf der Mannschaft, die noch zu allem Überfluss auf eine wiedererstarkte Alemannia trifft. Auf die Spitze sind es (Dortmunder Nachholspiel-Sieg vorausgesetzt) sechs Punkte. Das ist viel, aber noch nicht zu viel, zumal ja beide Spiele gegen die Borussen auch noch anstehen. Wir sollten aber schleunigst die Kurve bekommen.

*Weiteres vom weisen Mann unter diesem Link.

Elf Minuten am Glück vorbei

Puh, das musste ich jetzt erst mal sacken lassen, das gerade erlebte verarbeiten. Wie mittlerweile allenthalben bekannt sein dürfte, hat unser RWE die erste Qualifikationsrunde zur Europaleague 2018/19 gegen die favorisierte Borussia aus Mönchengladbach nach aufopferungsvollem Kampf mit 1:2 verloren.

Sven Demandt vertraute im Großen und Ganzen der Stammelf, lediglich Cokkosan wurde durch den anfangs nervösen, aber dennoch abgeklärt verteidigenden Unzola ersetzt, für Urban rückte Meier in die Innenverteidigung und Brauer durfte das Spiel im Mittelfeld ordnen.

Die Gladbacher zeigten von Beginn an ihr dominantes Gesicht und ließen geduldig Ball und Gegenspieler laufen. Erst nach gut 10 Minuten gelang es RWE, den Ball mal kontrolliert für ein paar Stationen zu halten, doch Angriffe sollten daraus noch nicht resultieren. Und so hatte der Bundesligist auch die ersten Chancen im Spiel, die aber alle mehr oder weniger dilettantisch vergeben wurden.

Nach gut 25 Minuten fiel ein Borusse im Strafraum (wie die TV-Crew mir mitteilte wohl klarer Elfer…), der Schiri gab jedoch Abstoß (obwohl dies eine glasklare Ecke hätte sein müssen). Und so kam es, wie es kommen musste: nach einer guten halben Stunde gelang es Platzek, den Ball irgendwie nach außen auf Pröger durchzustecken, der jedoch mangels Anspielstation in der Mitte warten musste und auf Malura zurücklegte. Dessen Flanke landete auf dem Kopf (!) von Benny Baier und von dort zum 1:0 für unsere Mannschaft in den Maschen – die Hafenstraße verwandelte sich vom Hexenkessel in ein Tollhaus! Mir wurde für einen Moment schwarz vor Augen, die Beine ganz weich! Danke, Adrenalin!

Diese Führung stellte das Spiel natürlich auf den Kopf. Die Gladbacher wurden plötzlich hektischer, einige technische Fehler schlichen sich bei ihnen ein, bejubelt vom Essener Publikum. Trotz guten 70% Ballbesitz für Gladbach ging es mit der Führung in die Pause. Von „verdient“ zu sprechen wäre vielleicht zu viel des Guten.

Das Bild sollte sich auch in der zweiten Hälfte nicht sonderlich ändern. Borussia drückte, RWE verteidigte mit Mann und Maus und verlagerte sich aufs Kontern. Zwei, drei Gladbacher Schüsse strichen nur knapp an Hellers Kasten vorbei, auf der Gegenseite verhinderte der Schweizer Nationalkeeper Sommer bei einem Schuss von Pröger, dass die Führung ausgebaut werden konnte. Und mit jeder vergebenen Chance wuchs der Jubel auf den Rängen weiter an. In der 70. Minute dann die Situation, die Baier wohl zurecht zum „Man of the Match“ machte: Nachdem Heller schon geschlagen war, kratzte unser Kapitän den Ball noch irgendwie von der Linie und wurde dafür von seinen Jungs bejubelt, als hätte er erneut getroffen.

Dieser Ball – ich hatte ihn schon im Kasten gesehen. Ein Blick nach rechts und links zu meinen Kumpels: geballte Fäuste, „jawoll“ und „jetzt erst recht“ im Gesicht. Sollte es das gewesen sein? Unser Kasten vernagelt? „Du kommst hier heute nicht durch“? Ich gebe zu, in diesem Moment habe ich tatsächlich erstmals daran geglaubt, dass wir heute hier in die zweite Runde einziehen konnten. Vielleicht habe ich für einen Moment vergessen, welchem Verein ich die Daumen drücke. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte.

Elf Minuten vor dem Spielende sorgte einer dieser „Vertikalpässe“ in den 16er dafür, dass Jonas Hofmann allein vor Heller auftauchte. Grund hatte (kein Vorwurf) das Abseits aufgehoben, da er aus einem Zweikampf auf Höhe des 5ers kam. Dann lief alles wie in Zeitlupe: Hofmann schoss – Heller parierte. Leider erneut vor die Füße von Hofmann (ebenfalls kein Vorwurf), der sich dieses Geschenk diesmal nicht nehmen ließ.

„Na ja. Dann eben in der Verlängerung irgendwie noch einen reinknickern oder ins Elferschießen retten“, dachte ich mir. Weit gefehlt. Zeiger wurde an der Grundlinie ausgetanzt, Malura kam nicht an die Flanke heran, wurde von hinten angeköpft und sein Gegenspieler spitzelte den Ball vorbei am herauseilenden Heller zum bis dahin quasi abgemeldeten Raffael, der die Sensation damit verhinderte.

Danach beschränkten sich die Gäste darauf, den Ball in den eigenen Reihen hin- und herzupassen, die letzten Verzweiflungstaten unserer Pokalfighter verpufften leider erfolglos.

Von unseren Jungs sind einige klar herauszustellen:
Baier – Torschütze und -verhinderer, unermüdlicher Motor im Mittelfeld und Anpeitscher des Teams
Pröger – immer wieder diese pfeilschnellen Läufe, immer wieder frei anspielbar, in ein, zwei Situationen vielleicht zu eigensinnig, aber dennoch gefährlich
Zeiger – Turm in der Innenverteidigung, hatte nur ein einziges Mal, bei der Flanke zum 1:2 das Nachsehen
Heller – auch von mir oft gescholten, hielt, was zu halten war (und das war nicht wenig)
Malura – herzerfrischend offensiv, warum nicht immer so.

Aber auch der Rest des Teams zeigte eine tolle Präsenz auf dem Platz. Mehr davon, bitte.

Dass die Mannschaft nach der Partie noch vor der West „gefeiert“ wurde und dabei auch selbst ein kleines bisschen mitgemacht hat, lässt mich hoffen, dass es erneut zu einer Art Schulterschluss, zum Zusammenwachsen kommen könnte. Denn genau das werden wir im grauen Liga-Alltag demnächst auch wieder brauchen, wenn es mal nicht so läuft – auch wenn ich hoffe, dass Wuppertal ein böser, böser Ausrutscher war.

Nur die kühnsten Träumer unter uns hätten wohl damit gerechnet, keine deutliche Niederlage zu kassieren. Klar, an der Hafenstraße, zudem freitags unter Flutlicht, da ist alles möglich. Es sind diese Spiele, in denen Helden geboren werden, an die man sich auch noch in zehn oder zwanzig Jahren vielleicht zurückerinnert. Wie man beinahe einen Bundesligisten aus dem DFB-Pokal geworfen hatte. Leider sollte es an diesem Abend nicht gelingen, als Sieger vom Platz zu gehen. Allerdings war dies der vielbeschworene „Hafenstraßen-Fußball“, der Kampfgeist auf dem Platz und die Atmosphäre auf den Rängen, die mich und vermutlich auch viele andere seinerzeit zum RWE-Fan gemacht haben. Umso schöner, dass das Spiel trotz TV-Präsenz ohne Pyro & Co. oder Ausschreitungen ausgekommen – ja, man lieferte sich mit dem Gladbacher Anhang gar einen „Scheiß DFB-Wechselgesang“.

Trotz Niederlage und leichter Depression mit einem Lächeln nach Hause, das hatte es bei mir lange nicht mehr gegeben. Ich kann es verwinden, da natürlich dieser Wettbewerb eigentlich nicht unsere Kragenweite hat. Dies war ein Bonusspiel, das zu gewinnen sicher schön gewesen wäre.

Die Respektzollungen in den sozialen Medien auch von Gladbacher Seite taten sicher nicht nur dem Team gut, auch wenn man das als Verlierer natürlich eigentlich nicht hören möchte. Und da stören auch ein paar Internet-Trolle wie der kleine Leon oder sein Homie Alex nicht, die sicher heute noch von den allerersten beiden V+ Energy ihres Lebens noch einen Kater haben. Vielleicht lernen sie auch eines Tages noch, wie man als Gewinner Größe zeigt und die Leistung des Unterlegenen anerkennt.

Unfassbar dennoch, dass sich immer noch Leute finden, die nicht zufrieden sind und noch etwas zu meckern finden. Auch das ist vermutlich einfach Rot-Weiss Essen.

Und wenn es sich eines Tages noch bis in die Redaktion von n-tv herumspricht, wer der echte RWE war, ist und sein wird, dann wird auch alles gut…

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