Niemand mag spielfreie Wochenenden

„Spielfrei.“

Für mich das Unwort des Jahres. Du kommst gerade so richtig in Schwung, da unterbricht dich der ZIS jäh mit seiner Befürchtung, dass die „schweren Jungs“ der Fortuna die Länderspielpause ihrer Zweitligamannschaft dazu nutzen könnten, das Spiel ihrer Zweiten gegen unsere Truppe zu besuchen. Ich gebe zu: das ist bei den Krachern Blau-Weiß West-Herne gegen Wegberg-Beeck oder Lippstadt gegen Lotte vielleicht nicht zu erwarten, aber ist das wirklich, wirklich notwendig? Wuppertal gegen RWE ließ sich ja auch durchführen, ohne dass das Tal eingeebnet wurde. Das kann doch nu wirklich nicht so schwer sein. Na ja, nutzen wir die Zeit mal für ein kleinen Einwurf.

Ich könnte immer noch von vergangenem Sonntag schwärmen. Das Spiel gegen die Kölner Fortunen war eines aus der Kategorie, aus der Fanträume gemacht sind. Man gerät unnötig und aus dem Nichts in Rückstand, doch die Mannschaft zerreißt sich unten auf dem Platz förmlich und wird schließlich – wenn vielleicht auch glücklich – per Elfmeter belohnt. Die Hafenstraße ein Tollhaus, die Stimmung auf dem Siedepunkt. Vor uns auf der Haupttribüne konnte ich einen Knirps sehen, vielleicht 9 oder 10 Jahre alt, mit einem vielleicht von Mama oder Oma gehäkelten Schal, der nach dem Ausgleich durch unseren neuen Fußballgott Daniel Heber permanent gröhlend an seinem Platz stand. Vielleicht wird er mal in zehn oder zwanzig Jahren an diesen Tag zurückdenken, an dem er sein Herz an RWE verloren hat. Zu wünschen wäre es ihm.

Mit dem Dreier gegen die Domstädter konnte Rot-Weiss den drohenden Fehlstart in die Liga wohl abwenden. Mit neun Punkten aus vier Spielen stehen wir sogar besser da als in der vergangenen Saison, als zum gleichen Zeitpunkt nur acht Punkte zu Buche standen. Mit der Präsentation auf dem Spielfeld bin ich dabei durchaus einverstanden, wenn man die zweite Hälfte gegen Straelen mal ausblendet. Die war einfach komplett daneben, aber alle anderen Halbzeiten waren mindestens akzeptabel. Gegen Köln zeigte die Neidhart-Elf ihr volles Potential. Da wurde der zum Mitfavoriten um den Meistertitel hochstilisierte Konkurrent komplett entzaubert, lediglich Sekunden vor Schluss geriet der rot-weisse Kasten noch einmal in Gefahr – wohl dem, der einen spanischen Abwehrturm sein eigen nennt.

Einer dürfte ganz besonders froh gewesen sein, dass das Spiel noch gewonnen wurde: Simon Engelmann. Der Torschützenkönig der letzten Saison hatte mindestens in vier Situationen nach dem Wechsel einen Treffer auf dem Fuß, konnte aber nicht „finalisieren“. Aber ich bin mir sicher, dass er das auch bestimmt nicht verlernt hat, seine Treffer werden noch immens wichtig für unsere Mannschaft werden.

„Finalisieren“ auch das Stichwort: Hansi Küpper, seines Zeichens professioneller Kommentator z.B. bei Sky und die Stimme aus meinem favorisierten Fußball-Game PRO EVOLUTION SOCCER (der dort auch dieses Wort in einer Ansage nutzt) ist jetzt auch RWE-Mitglied. Es gibt Schlimmeres, wenn man gebürtiger Essener ist. Den Kollegen hätte ich tatsächlich schon allein der markanten Stimme wegen mal als Co-Kommentator, vielleicht, wenn der RWExperte mal ausfällt.

Und schließlich hat RWE noch einmal auf dem Transfermarkt zugeschlagen. Die Dauer der Verletzung von Niemeyer ist nun doch länger als erwartet, zudem bat Eismann um Vertragsauflösung aus persönlichen Gründen, sodass mindestens eine, wenn nicht gar zwei Baustellen im Kader zu bearbeiten waren. Eine ganz dicke Leuchtrakete ist dabei die heutige Bekanntgabe der Verpflichtung von Felix Bastians. So ganz überraschend kam das Ganze jetzt nicht mehr, munkelte man doch schon nach der Partie gegen Köln schon, dass er sich selbige angesehen habe, und im Zuge der geheimen Testpartie gegen Zwolle war dem Spielbericht des Gastes wohl auch der Name irgendwie herausgerutscht. Sei‘s drum, es ist sehr erfreulich, dass sich RWE hier gegen kolportierte Konkurrenz aus Münster, Wuppertal, Duisburg und Watt-weiß-ich-nich-wo durchsetzen konnte. Mit seinen mehr als 200 Partien in der 1. und 2. Bundesliga (Freiburg / Hertha / Bochum), dazu internationaler Erfahrung aus England (ganz viel Nottingham), der Schweiz (Young Boys Bern) und anderen Ländern sowie einigen U-Nationalmannschaftseinsätzen hat er das Zeug dazu, ein sehr, sehr wichtiger Baustein in der Abwehr zu werden. Ich bin gespannt, wie Neidhart ihn in die Aufstellung integriert, denn soviel steht fest: Einer wird weichen müssen. Das wird nicht einfach für den Trainer, denn zuletzt gab es an der Achse Plechaty, Rios Alonso, Heber, Herzenbruch nicht viel zu meckern.

Abschließend: Stichwort „Meckern“. Leute… Was habt ihr für ein Problem? Ja, vielleicht sah Davari beim Kopfballtreffer von Marquet nicht ganz so glücklich aus, aber sich jetzt daran so aufzugeilen, dass er nicht hinter dem Ball nicht hinterhergesprungen ist, den er vielleicht neben dem Tor erwartet hat, ist total „drüber“. Davari strahlt eine Menge Ruhe (vielleicht manchmal sogar zu viel) aus, ist immer anspielbar, spielt die Bälle nicht planlos aus dem Sechzehner (und hat damit sogar gegen Bonn einen Treffer eingeleitet und gegen Köln eine diskutable 1-gegen-1-Situation heraufbeschworen) und hält seit letzter Saison den Rekord für die meisten Spiele mit weißer Weste. Wie zum Teufel kann man ernsthaft fordern, dass stattdessen jetzt Golz ins Tor müsste. Bei allem Respekt für Jakob Golz, er ist sicherlich auch ein Torwart, den die meisten Regionalligisten als Nummer 1 aufstellen würden, aber warum seid ihr so sicher, dass er sich diesen Treffer nicht gefangen hätte? Vertraut doch bitte den Verantwortlichen, die Davari als Nummer 1 sehen, demontiert nicht unsere eigene Mannschaft öffentlich, sondern stärkt ihnen den Rücken.

In wenigen Stunden heißt es also dabei zuzusehen, wie sich der Rest der Liga so schlägt. Egal, wie sich die Tabelle danach darstellt – es gilt, nicht in Panik zu verfallen. Im Verein wird dies sicher niemand tun. Ich werde es ebenso halten. Und so ein spielfreies Wochenende ist am Ende ja vielleicht auch dazu gut, den eigenen Adrenalinspiegel mal wieder in den Griff zu bekommen.

Voll vergeigt

Stellt euch vor, ihr wartet seit ewigen Zeiten auf ein Konzert eurer Lieblingsband. Irgendwann ist es soweit, ihr steht vor der Bühne, das Licht geht aus, die Stimmung ist bestens. Aber als die ersten Klänge erklingen, wird schnell klar: Irgendwie sind die Instrumente verstimmt, das Tempo irgendwie verschleppt, der Soundmix stimmt nicht und überhaupt spielt die Band ausschließlich Songs von Coldplay.

So in etwa lässt sich der Freitag Abend in Worte packen für jemanden, der mit Fußball so gar nichts am Hut hat. Doch wenn wir ehrlich sind: Eigentlich war es viel schlimmer. Vorweg: Ich bin weit davon entfernt, der Mannschaft Mentalität oder Qualität absprechen zu wollen, wie es mancherorts bereits der Fall ist. Einige fordern gar jetzt schon den Kopf des Trainers – vollkommen überzogen.

Dabei war eigentlich alles perfekt: Statt angekündigtem Regen bot sich der Spätsommer von seiner besten Seite, die Tribünen konnten für mehr als die ursprünglich geplanten 6500 Zuschauer geöffnet werden und die Stimmung auf den Tribünen war prächtig. Essen hatte richtig Bock!

Neidhart musste den am Auge verletzten Holzweiler ersetzen und entschied sich für Janjic, dafür wich zu großen Teilen Harenbrock auf den Flügel aus. Ein Wechsel, der sich rückblickend betrachtet nicht wirklich ausgezahlt hat. Janjic agierte nicht als hängende Spitze, sondern quasi auf derselben Position wie Engelmann, wodurch sich beide gegenseitig die Luft zum Atmen nahmen. Engelmann hatte zwei, drei gute Szenen, auch Janjic war mal spektaktulär per Seitfallzieher, mal per Dropkick zur Stelle, beide konnten jedoch nicht wirklich gefährlich abschließen.

Im ersten Durchgang bot sich das, was ich inzwischen die „Neidhart-Taktik“ nennen möchte: Viel Ballbesitz, der Gegner tief in der eigenen Hälfte ohne eigene Torchance, doch auch unsere Jungs fanden nur selten die Gelegenheit, gefährlich abzuschließen. Dennoch gab es zu keinem Moment den kleinsten Anlass zur Sorge, dass die Partie außer Kontrolle geraden könnte.

Im zweiten Durchgang dann unser Waterloo. Vier Torschüsse der Gäste reichten, um gleich viermal einzunetzen. Kurios dabei: Wir hatten deutlich mehr Ballbesitz und 9:1 Ecken, konnten aber bis auf wenige Szenen keine Torgefahr entwickeln. Die Niederlage geht somit in der Höhe wohl auch in Ordnung. Was mich aber total genervt hat, war die Art und Weise, wie die Gegentreffer zustande gekommen sind:

Beim 0:1 geht so ungefähr alles schief, was schiefgehen kann. Nach Youngs Ballverlust grätscht erst Herzenbruch daneben, Young kann sich zwischen Ball und Gegenspieler schieben, lässt sich dann doch abkochen, dann geht Lungas Querpass nur um Zentimeter an Langesbergs Fuß vorbei, schließlich ist Heber zur Stelle, stoppt den Ball aber vors Schienbein von Kader, bevor dieser den Ball am langen Pfosten versenkt. Eine Aneinanderreihung von Fehlern, wie ich sie selten erlebt habe.

Zehn Minuten später dann das 0:2, als Straelen aus einem Befreiungsschlag, der zufällig den eigenen Mann erreicht, einen tödlichen Konter setzen kann. Langesberg (kommt nicht an den Mann) und auch Davari (kurzes Eck zu weit offen) machen hier leider keinen besonders guten Eindruck.

Der Anschlusstreffer von Plechaty brachte dann nochmal die Hoffnung zurück, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es ein Torschuss oder eine scharfe Hereingabe sein sollte – am Ende ist der Ball aber drin, das ist, was zählt. Ich bin mir sicher, dass wir in der verbliebenen Spielzeit noch am Unentschieden gekratzt hätten, hätte der Schiedsrichter nicht auf Strafstoß für die Gäste entschieden, als Herzenbruch gegen Peitz im Sechzehner zwar zurückzieht, aber den Kontakt doch herstellt, nachdem Langesberg dem Stürmer per Querschläger den Ball in den Lauf gespielt hatte. So stand es dann plötzlich 1:3 und die Schultern gingen sichtbar bei einigen nach unten. Stichwort Schiedsrichter: An ihm lag es gewiss nicht, aber die körperbetonte Gangart, die er im ersten Durchgang noch deutlich häufiger hatte laufen lassen, endete in der zweiten Halbzeit in einem munteren Kartenspektakel.

Das 1:4 schließlich war ein weiterer Schlag ins Gesicht, doch hatte RWE zu diesem Zeitpunkt alles nach vorne geworfen. Dennoch darf der Spieler nicht vollkommen unbehelligt übers Spielfeld laufen – meine Meinung.

Jetzt kann man natürlich philosophieren: Was, wenn wir in der ersten Hälfte eine unserer wenigen Chancen genutzt hätten? War die Doppelspitze mit Janjic und Engelmann (die in Bonn nach dem Holzweiler-Ausfall hervorragend funktioniert hat!) die falsche Option? Hätte man Langesberg nach dem 0:2 vielleicht schützen und herunternehmen müssen? Oder lag es weniger an ihm, sondern daran, dass seine Nebenleute an den entscheidenden Stellen schon nicht korrekt agiert haben? Waren gar die Zuschauer ein Faktor?

Ich möchte mich an diesen Spekulationen aber gar nicht beteiligen. Fakt ist: Dies ist unser Kader, mit dem wir die Saison bestreiten werden, da werden keine großartigen Zugänge mehr erfolgen. Die vergangene Saison gibt Neidhart ja auch insofern Recht, als dass wir mit exakt dieser abwartenden, zugegebenermaßen nicht immer attraktiven Taktik jeden Gegner früher oder später geknackt haben. Freitag Abend ist es auf extremste Art in die Hose gegangen, ja. Aber um das Bild vom Anfang nochmal aufzugreifen: Die Tour hat gerade erst begonnen. Ich bin mir sicher, dass die Niederlage bis ins kleinste Detail analysiert wird und daraus dann die Schritte abgeleitet werden, die ein ähnliches Debakel vermeiden können.

Wuppertal steht nun unmittelbar bevor, und wir stehen wieder einmal früh unter Druck. Anders als der SV Straelen wird der WSV sich jedoch nicht einmauern. Wir haben gegen Bonn gesehen, wie die Mannschaft gegen solche Gegner aufspielen kann. Es ist noch lange nichts verloren, doch wir müssen GEMEINSAM die Ruhe bewahren. AUF und NEBEN dem Platz. Und vor allem im Netz.