Voll vergeigt

Stellt euch vor, ihr wartet seit ewigen Zeiten auf ein Konzert eurer Lieblingsband. Irgendwann ist es soweit, ihr steht vor der Bühne, das Licht geht aus, die Stimmung ist bestens. Aber als die ersten Klänge erklingen, wird schnell klar: Irgendwie sind die Instrumente verstimmt, das Tempo irgendwie verschleppt, der Soundmix stimmt nicht und überhaupt spielt die Band ausschließlich Songs von Coldplay.

So in etwa lässt sich der Freitag Abend in Worte packen für jemanden, der mit Fußball so gar nichts am Hut hat. Doch wenn wir ehrlich sind: Eigentlich war es viel schlimmer. Vorweg: Ich bin weit davon entfernt, der Mannschaft Mentalität oder Qualität absprechen zu wollen, wie es mancherorts bereits der Fall ist. Einige fordern gar jetzt schon den Kopf des Trainers – vollkommen überzogen.

Dabei war eigentlich alles perfekt: Statt angekündigtem Regen bot sich der Spätsommer von seiner besten Seite, die Tribünen konnten für mehr als die ursprünglich geplanten 6500 Zuschauer geöffnet werden und die Stimmung auf den Tribünen war prächtig. Essen hatte richtig Bock!

Neidhart musste den am Auge verletzten Holzweiler ersetzen und entschied sich für Janjic, dafür wich zu großen Teilen Harenbrock auf den Flügel aus. Ein Wechsel, der sich rückblickend betrachtet nicht wirklich ausgezahlt hat. Janjic agierte nicht als hängende Spitze, sondern quasi auf derselben Position wie Engelmann, wodurch sich beide gegenseitig die Luft zum Atmen nahmen. Engelmann hatte zwei, drei gute Szenen, auch Janjic war mal spektaktulär per Seitfallzieher, mal per Dropkick zur Stelle, beide konnten jedoch nicht wirklich gefährlich abschließen.

Im ersten Durchgang bot sich das, was ich inzwischen die „Neidhart-Taktik“ nennen möchte: Viel Ballbesitz, der Gegner tief in der eigenen Hälfte ohne eigene Torchance, doch auch unsere Jungs fanden nur selten die Gelegenheit, gefährlich abzuschließen. Dennoch gab es zu keinem Moment den kleinsten Anlass zur Sorge, dass die Partie außer Kontrolle geraden könnte.

Im zweiten Durchgang dann unser Waterloo. Vier Torschüsse der Gäste reichten, um gleich viermal einzunetzen. Kurios dabei: Wir hatten deutlich mehr Ballbesitz und 9:1 Ecken, konnten aber bis auf wenige Szenen keine Torgefahr entwickeln. Die Niederlage geht somit in der Höhe wohl auch in Ordnung. Was mich aber total genervt hat, war die Art und Weise, wie die Gegentreffer zustande gekommen sind:

Beim 0:1 geht so ungefähr alles schief, was schiefgehen kann. Nach Youngs Ballverlust grätscht erst Herzenbruch daneben, Young kann sich zwischen Ball und Gegenspieler schieben, lässt sich dann doch abkochen, dann geht Lungas Querpass nur um Zentimeter an Langesbergs Fuß vorbei, schließlich ist Heber zur Stelle, stoppt den Ball aber vors Schienbein von Kader, bevor dieser den Ball am langen Pfosten versenkt. Eine Aneinanderreihung von Fehlern, wie ich sie selten erlebt habe.

Zehn Minuten später dann das 0:2, als Straelen aus einem Befreiungsschlag, der zufällig den eigenen Mann erreicht, einen tödlichen Konter setzen kann. Langesberg (kommt nicht an den Mann) und auch Davari (kurzes Eck zu weit offen) machen hier leider keinen besonders guten Eindruck.

Der Anschlusstreffer von Plechaty brachte dann nochmal die Hoffnung zurück, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es ein Torschuss oder eine scharfe Hereingabe sein sollte – am Ende ist der Ball aber drin, das ist, was zählt. Ich bin mir sicher, dass wir in der verbliebenen Spielzeit noch am Unentschieden gekratzt hätten, hätte der Schiedsrichter nicht auf Strafstoß für die Gäste entschieden, als Herzenbruch gegen Peitz im Sechzehner zwar zurückzieht, aber den Kontakt doch herstellt, nachdem Langesberg dem Stürmer per Querschläger den Ball in den Lauf gespielt hatte. So stand es dann plötzlich 1:3 und die Schultern gingen sichtbar bei einigen nach unten. Stichwort Schiedsrichter: An ihm lag es gewiss nicht, aber die körperbetonte Gangart, die er im ersten Durchgang noch deutlich häufiger hatte laufen lassen, endete in der zweiten Halbzeit in einem munteren Kartenspektakel.

Das 1:4 schließlich war ein weiterer Schlag ins Gesicht, doch hatte RWE zu diesem Zeitpunkt alles nach vorne geworfen. Dennoch darf der Spieler nicht vollkommen unbehelligt übers Spielfeld laufen – meine Meinung.

Jetzt kann man natürlich philosophieren: Was, wenn wir in der ersten Hälfte eine unserer wenigen Chancen genutzt hätten? War die Doppelspitze mit Janjic und Engelmann (die in Bonn nach dem Holzweiler-Ausfall hervorragend funktioniert hat!) die falsche Option? Hätte man Langesberg nach dem 0:2 vielleicht schützen und herunternehmen müssen? Oder lag es weniger an ihm, sondern daran, dass seine Nebenleute an den entscheidenden Stellen schon nicht korrekt agiert haben? Waren gar die Zuschauer ein Faktor?

Ich möchte mich an diesen Spekulationen aber gar nicht beteiligen. Fakt ist: Dies ist unser Kader, mit dem wir die Saison bestreiten werden, da werden keine großartigen Zugänge mehr erfolgen. Die vergangene Saison gibt Neidhart ja auch insofern Recht, als dass wir mit exakt dieser abwartenden, zugegebenermaßen nicht immer attraktiven Taktik jeden Gegner früher oder später geknackt haben. Freitag Abend ist es auf extremste Art in die Hose gegangen, ja. Aber um das Bild vom Anfang nochmal aufzugreifen: Die Tour hat gerade erst begonnen. Ich bin mir sicher, dass die Niederlage bis ins kleinste Detail analysiert wird und daraus dann die Schritte abgeleitet werden, die ein ähnliches Debakel vermeiden können.

Wuppertal steht nun unmittelbar bevor, und wir stehen wieder einmal früh unter Druck. Anders als der SV Straelen wird der WSV sich jedoch nicht einmauern. Wir haben gegen Bonn gesehen, wie die Mannschaft gegen solche Gegner aufspielen kann. Es ist noch lange nichts verloren, doch wir müssen GEMEINSAM die Ruhe bewahren. AUF und NEBEN dem Platz. Und vor allem im Netz.

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