Eine ungewöhnliche Einladung

Die Liga-Geschichte von RWE in Wuppertal ist durchaus als schwierig zu betrachten. Niederlagen und Unentschieden in größerer Zahl und erst letzte Saison erlöste uns Hedon Selishta mit einem Treffer in der Nachspielzeit. Nun war ein Sieg sogar Pflicht. Die Konstellation vor dem Spiel unabhängig vom Rückstand auf die Borussia ohnehin besonders, aufgrund der dortigen Coronafälle konnte man also auf einen Punkt aufschließen und für nachhaltige Gedanken in den Köpfen des Tabellenführers sorgen.

Überraschend für einige Anwesenden und die Zuschauer am Stream vielleicht das Banner, das an der Heimtribüne präsentiert wurde:

Was will uns der Autor damit sagen?

Wichtig beim Verfassen einer Nachricht ist immer, dass der entsprechende Empfänger klar ist. Obiges Beispiel lässt durchaus Raum für Spekulationen: Bezieht sich „unser Tag“ auf die Fanszene, die irgendwann zurückkehrt und „euer Tag“ aufs Team des WSV, das den Sieg gegen RWE einfahren soll (eher wahrscheinlich) oder wünscht man gar RWE den Sieg (um dem Produkt „zweite Mannschaften“ einen Riegel vorzuschieben und sieht man die Zeit des WSV irgendwo in der Zukunft kommen (eher nicht)? Wie dem auch sei – ich muss zugeben, dass ich mir unter meiner FFP2-Tarnung ein mittelschweres Grinsen nicht verkneifen konnte.

Mit dem Anpfiff versuchte der WSV-Anhang außerhalb des Stadions, mithilfe eines (kläglichen) Feuerwerks und leise zu vernehmenden Sprechchören Einfluss auf die Partie zu nehmen. Der Klang mehrerer Martinshörner waren die unmittelbare Folge, kurz darauf war der Spuk auch schon beendet. Auch oberhalb des Stadions hatten sich wohl einige Fans versammelt, auch dort bezog die Spielleitung mit ihren Mannschaftsbussen kurze Zeit später Stellung.

RWE begann das Spiel jedenfalls mit ordentlicher Wucht und ließ die Hausherren konsequent nicht zur Entfaltung kommen. Die wiederum verteidigten engagiert und konnten in der ersten Viertelstunde ernsthafte Bedrohung fürs eigene Tor vermeiden, nach zwanzig Minuten dann aber die Erlösung für alle Rot-Weissen: Der lt. Reviersport-Kaderanalyse maximal durchschnittliche Grund brachte Eckball Nummer fünf herein, Heber hatte genügend Platz und die nötige Sprungkraft – 1:0.

In der Folge verpasste Kefkir im direkten Duell mit dem Wuppertaler Keeper (in meinen Augen bester Wuppertaler der Partie), schon vor der Pause den Dampf vom Kessel abzulassen, ein wenig mehr Abgezocktheit und statt halbherzigem Vorbeilegen des Balles ein kleiner Haken und es stünde 2:0. Generell war Kefkir erneut Aktivposten, dass er kein Flankengott ist, wurde jedoch erneut wieder deutlich.

Mit dem Halbzeitpfiff traf Engelmann dann aus der Drehung heraus nur den Pfosten, die Führung zur Pause war hochverdient, aber wohl zu gering.

In der Pause schienen deutliche Worte in der Wuppertaler Kabine gefallen zu sein, jedenfalls zeigte der WSV ein anderes Gesicht. Offensivdrang, schnelle Passstafetten und auch eine etwas härtere Gangart prägten die erste Viertelstunde des zweiten Durchgangs. Heber und Herzenbruch hatten eine Menge Arbeit zu verrichten und vor allem „Herze“ dürfte mit seiner Interpretation des robusten Innenverteidigers viele Anhänger hinter sich wissen. Während Heber mit chirurgischer Präzision Bälle abläuft und abschirmt, „malocht“ Herzenbruch seine Aufgaben oft etwas rustikaler weg – eine Eigenschaft, die immer an der Hafenstraße sehr geschätzt wurde.

Nach der kurzen Sturm- und Drangphase der Wuppertaler konnte RWE wieder etwas Ruhe ins Spiel bringen und hatte dann auch in Person von Condé und Kehl-Gomez zwei Hochkaräter auf dem Schlappen, fanden jedoch im bereits erwähnten Keeper ihren Meister.

Als Wuppertal in der Schlussviertelstunde begann, das Risiko zu erhöhen, stellte Neidhart um auf Fünferkette. Zwar überließ man so dem Gegner ein wenig mehr den Ball, konnte aber die Räume hinten deutlich besser schließen und weitere Herzinfarktmomente vermeiden. Ich muss gestehen, dass ich schon den üblichen RWE-Spielverlauf befürchtet habe – überlegenes Team, Führung, vergebene Chancen, Ausgleich kurz vor Schluss. Gleich zwei, drei Mal mussten unsere Jungs im eigenen Sechzehner auch tatsächlich löschen, vor allem nach einer Ecke kurz vor Schluss brannte es doch lichterloh.

Dem eingewechselten Lewerenz war es zu verdanken, dass RWE endgültig auf die Siegerstraße abbiegen konnte. In einer Melange aus tollem Solo, Energieleistung und „Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand“ wurschtelte er sich vom linken Flügel in eine zentrale Position am Sechzehner und Schloss in die rechte Torecke ab.

Dass der WSV bei einer Ecke in der Nachspielzeit doch noch das 2:1 erzielen konnte, war schließlich nur noch Ergebniskorrektur, machte es aber zunächst noch einmal maximal spannend. RWE schaffte es jedoch, die Wuppertaler vom eigenen Tor fernzuhalten und verschanzte sich an der gegnerischen Eckfahne. Als der Unparteiische davon die Nase voll hatte, beendete er die Partie, sehr zur Erleichterung aller, die es mit RWE halten.

„Holt den Sieg“ war auf dem obigen Banner zu lesen. Beste Grüße an den WSV – haben wir gerne gemacht. (An dieser Stelle möchte ich mich auch beim WSV bei aller Rivalität tatsächlich nochmal für die unkomplizierte Akkreditierung bedanken – das erlebt man nicht überall so!)

Ein Highlight der ganz besonderen Art durften wir indes in der 86. Spielminute erleben, als Sandro Plechaty nach überstandener Knieverletzung erstmals wieder in einem Spiel den Platz betrat – willkommen zurück, Sandro! Ein weiterer wichtiger Baustein für den Saisonendspurt.

Der rot-weisse Rückstand beträgt nun noch einen einzigen Punkt sowie ein Törchen (natürlich bei mehr gespielten Partien). Am Samstag heißt es, aus dem Rückstand einen Vorsprung zu machen und einen weiteren alten Rivalen, die Aachener Alemannia, in die Schranken zu weisen. Was die Schwarz-Gelben aus der Situation machen, in wenigen Tagen ihre restlichen Spiele absolvieren zu müssen, dann aus einem Rückstand heraus reagieren zu müssen, das liegt nur bedingt in unserer Hand. Wir können aber dafür sorgen, dass wir zu ihrem Alptraum werden.

Der rot-weisse Traum jedenfalls lebt!

Zuvor geht es erneut nach Oberhausen, wo das Pokal-Viertelfinale ansteht. Wenn ich wählen dürfte – ich würde lieber dieses Spiel verlieren und aufsteigen als erneut am DFB-Pokal teilzunehmen, aber weiter in der vierten Liga antreten zu müssen. Am liebsten wäre mir selbstverständlich, als Drittligist einen Bundesliga-Absteiger in der ersten Runde auszuschalten.

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