Ein ganz besonderer Abend

Natürlich sind 300 Zuschauer nicht so laut, so dauerhaft unter Strom wie 13.000, die vielleicht zum gestrigen DFB-Pokal-Auftakt im Stadion Essen gewesen wären. Trotzdem gelang es, der Mannschaft den letzten Schub mitzugeben, den sie gegen wütend anrennende Bielefelder vielleicht gebraucht hat.

Ein bisschen seltsam mutete es trotzdem an, sich in eine 1,5m-Abstand-Einlass-Schlange zu stellen, die schubweise zu ca. 30 Leuten ins Stadion gelassen wurde, wo sich die Personen in die Anwesenheitsliste eintrugen, bevor sie sich zu ihren Plätzen im Innenbereich begeben durften. Geradezu gespenstische Stille, ein leichtes Wabern und Raunen im Hintergrund von all den Gesprächen auf Normal-Lautstärke, wo man sich sonst anschreien muss, um vom Gegenüber verstanden zu werden. Aufgrund der Vorgaben, die ja auch in der Liga schon gelten, kamen die beiden Teams nicht zeitgleich auf den Platz (man könnte sich ja im Gang bereits begegnen, ich meine „halloooho?“!). Während der rot-weisse Tross mit Applaus und Anfeuerung begrüßt wurde, bedachte man die Spieler der Arminia (nicht „Armenia“, liebes Radio Essen) mit den ersten Pfiffen und ja, auch der eine oder andere Spruch war zu hören. Platzwahl, Aufstellen – und dann erst mal warten, bis der Bezahlsender mit seiner Werbung fertig ist.

A propos Aufstellung: Christian Neidhart überraschte ein wenig, indem er nicht nur Grote statt des eigentlich „gesetzten“ Condé von Beginn an spielen ließ (und hier offenbar Erfahrung den Vorzug gab, auch Futkeu lief von Beginn an auf, was zur Folge hatte, dass Endres sich zunächst auf der Bank wiederfand. Für den im ersten Ligaspiel blass gebliebenen Kefkir rückte Grund nach vorne, hinten durfte Herzenbruch auflaufen. Da die Arminia über weite Teile des Spiels den Ballbesitz hatte, spielte man somit eine Art 5-3-2 mit drei Innenverteidigern („Triple-H“ – Hahn, Heber, Herzenbruch), außen rückten Grund und Plechaty immer wieder mit zurück.

Bereits nach wenigen Minuten hatte RWE die erste dicke Chance, als ein Befreiungsschlag bei Kehl-Gomez auf dem Flügel landete und er diesen auf Futkeu weiterleiten konnte. Kurze Drehung, dann der zu unpräzise Versuch einer Ablage, die aber zu Grote geklärt wurde. Der Routinier hielt aus 20m volley drauf und zwang den Gästekeeper direkt mal dazu, den Rasen im Liegen zu testen. Die daraus resultierende Ecke landete genau auf dem Schädel von Kehl-Gomez, allerdings dann auch über dem Tor.

Wenig später hatte RWE dann nach Sichtung der TV-Bilder viel Glück. Nach einer Flanke auf den langen Pfosten trifft Plechaty Arminia-Angreifer Klos ziemlich eindeutig da, wo es bei Männern am meisten wehtut, der Schiedsrichter und Assistent hatten jedoch offenbar keine Sicht auf die Szene, sodass weitergespielt wurde.

RWE spielte in den ersten gut 20 Minuten durchaus mutig auf, die Flanken wollten aber ihr Ziel aber einfach nicht finden. Kehl-Gomez setzte einen Freistoß aus guter Position in die Mauer, und immer wieder wurde in Kontern der schnelle Futkeu gesucht, der trotz seiner wenigen Lenze (oder gerade deswegen?) immer wieder den Ball in Laufduellen erkämpfen konnte. Das Gros der Spielanteile gehörte jedoch den Gästen, die jedoch nur wenig Gefahr aufs Tor erzwingen konnten. Die treffendste Beschreibung, die dazu geäußert wurde war (Zitat): „Hömma Bielefeld, ihr Spacken! In welcher Oberliga spielt ihr eigentlich?“

In einer Phase, in der RWE geradezu hinten eingeschnürt wurde, spielte Alex Hahn dann einen seiner bekannten Diagonalpässe, genau hinter den Verteidiger in den Lauf von Plechaty, der den Ball im Vollsprint annehmen konnte. Zwar wurde sein Trikot noch an der Strafraumgrenze einer Materialprobe unterzogen, doch anstatt zu fallen und damit „nur“ einen Freistoß zu riskieren, schaffte er es, die Kugel auf den heraneilenden Engelmann abzulegen, der in bester Stürmermanier aus 16m ins lange Eck vollendete. Spätestens jetzt brachen die ersten spärlichen Dämme der Zurückhaltung auf der Tribüne, geradezu tosender Jubel für ein Corona-Match.

Die Arminia fand auch nach der rot-weissen Führung kein Konzept, um die aufmerksame Verteidigung zu durchbrechen und so wurde es lediglich kurz vor dem Halbzeitpfiff noch einmal gefährlich, als sich Davari bei einer Ecke verschätzte und den Ball nur touchierte, anstatt ihn herauszufausten. So schaffte er es aber, den Ball entscheidend zu verlängern, so dass der folgende Kopfball das Tor doch deutlich verfehlte. Die Mannschaft wurde schließlich unter Beifall in die Kabine verschiedet. Die rot-weisse Führung war vielleicht etwas glücklich, aber dennoch nicht unverdient, wie mir auch Trainer-„Legende“ Norbert Meier ungefragt mitteilte.

In Halbzeit zwei drückte der Gast von Beginn an aufs Tempo und versuchte, möglichst schnell zum Ausgleich zu kommen. Bereits fünf Minuten nach Wiederanpfiff ergab sich nach schneller Kombination eine gute Einschusschance, doch der Bielefelder traf nur den Außenpfosten. Kurze Zeit später musste Davari sich strecken, um einen Distanzschuss aus dem Winkel zu fischen. Da sich die Angriffe nun häuften, wechselte Neidhart nach gut einer Stunde gleich dreifach, für Grote, Backszat und den angeschlagen ins Spiel gegangenen Grund kamen Condé, Hildebrandt und Neuwirt (Anmerkung: Hildebrandt schien bei einigen schon „abgeschrieben“ im Sinne von „zu viel Konkurrenz auf der Position“. Gestern war eindrucksvoll zu sehen, a) wie gut Hildebrandt tatsächlich ist und b) dass es gut ist, einen derartig breiten Kader zu haben, der solche Auswahl möglich macht).

Durch den Wechsel konnte jedoch nicht verhindert werden, dass Kehl-Gomez einen Bielefelder kurz vor dem Strafraum regelwidrig zu Fall brachte. Der fällige Freistoß klatschte an den Innenpfosten, fand dann aber den Weg aus in Richtung Strafraum zurück und konnte unter frenetischem Jubel geklärt werden.

So langsam fielen auf der Tribüne auch die letzten Hemmungen, das Team auch akustisch zu unterstützen. Jeder Ballgewinn wurde bejubelt, jeder Bielefelder Fehlpass höhnisch beklatscht. Endres kam für Futkeu, der sich im Anlaufen der weit aufgerückten Bielefelder aufgerieben hatte und sollte auch noch eine Einschusschance bekommen, als er von Condé auf die Reise geschickt werden konnte, im letzten Moment aber abgedrängt wurde und so den Ball verzog.

In der Schlussminute hatte Zahnpasta-Heavyuser Soukou bei seiner Rückkehr an alte Wirkungsstätte die letzte Nennenswerte Möglichkeit für die Gäste, sein Schuss verfehlte Davaris Kasten jedoch um etwa zwei Meter. RWE verlegte sich darauf, den Ball nur noch hoch herauszuschlagen und die Bielefelder in der eigenen Hälfte aggressiv anzugehen. So gab es dann leider noch ein paar Freistöße für den Bundesliga-Aufsteiger, die aber allesamt harmlos blieben. Als Schiri Osmers dann nach beinahe sechs Minuten Nachspielzeit die Rot-Weissen erlöste, kannte der Jubel keine Grenzen mehr. RWE schlägt einen Bundesligisten in einem Pflichtspiel und zieht nach langer, zu langer Zeit mal wieder in die zweite Runde des DFB-Pokals ein.

Mich hat gestern nicht nur die Mannschaft beeindruckt, auch die Stimmung, die trotz weniger, noch dazu zufällig ausgewählter Zuschauer aufkam, war aller Achtung wert. Keine organisierten Fanclubs, die irgendwie versuchten, den Funken auf die Mannschaft zu übertragen, stattdessen rief hier mal jemand was, dann dort, und der Rest nahm es dankbar auf. Wechselgesang von rechts nach links, ein vom Team durch Hinsetzen quasi gewünschtes „zweimal leise, zweimal laut“, ein schüchternes „Wer ist der Schreck vom Niederrhein?“… Insgesamt ein runder Abend mit einem schönen Ende, das die Mannschaft in der Kaue einem Instagram-Post zufolge noch mit einer kurzen Videonachbetrachtung des Tores feierte.

Mann des Spiels meiner Meinung nach Sandro Plechaty, der nicht nur das Tor vorbereitet, sondern auch so mächtig „Rabatz“ auf dem rechten Flügel gemacht hat. Dass gegen ein Team wie Bielefeld nicht viele Chancen herauskommen, war eigentlich klar, umso schöner, dass wir eine davon nutzen konnten. Auch die gesamte Hintermannschaft hat sich ein Lob verdient, auch hier haben die Jungs ganze Arbeit geleistet und beispielsweise einen Klos nicht nennenswert ins Spiel kommen lassen.

Nun heißt es „Fokus auf Dortmund“. Am Sonntag muss RWE zum vermutlich ärgsten Konkurrenten um den Aufstiegsplatz. Nach dem Unentschieden zum Auftakt wäre ein Sieg das richtige Signal auch an die anderen Teams, dass mit RWE zu rechnen ist. Der BVB hat dabei den Vorteil der etwas längeren Spielpause. Immerhin wird wohl kein Marco Reus auflaufen, ich könnte mir aber auch einen Bellingham in der Dortmunder U23 vorstellen. Leicht wird es auf keinen Fall. [Edit: Wie ich nach Verfassen des Artikels aufgrund einiger Nachrichten feststellen musste, spielt der BVB noch vorher gegen Lotte, also haben WIR die längere Pause. Ach ja – Timo hat übrigens ne Sperre wegen Gelb-Rot…)

4 Kommentare zu „Ein ganz besonderer Abend“

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