1. Spieltag – RWE – BVB II // Niemals aufgeben!

So lautete gestern Abend beim Eröffnungsspiel zur Saison 2019/20 der Regionalliga West das Motto an der Hafenstraße zwischen Rot-Weiss Essen und der Zweitvertretung des BVB. Vorweg: Selten war ein Motto so treffend!

Rund 14500 Zuschauer im Stadion, ordentlich gefüllter Gästeblock – ein phantastischer Rahmen. Die Choreo beim Einlaufen der Mannschaften, unterstützt durch den ausgerufenen Fahnentag, leistete ihren Beitrag, eine Gänsehaut sollte die nächste jagen.

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Nachdem vor dem Spiel die Stimme der Hafenstraße, Walter Ruege, zum 40. Dienstjubiläum am Mikrofon geehrt wurde, durfte „Ruthe“ mit toller Unterstützung der Kurve trotz vieler neuer Namen die erste Startelf der Saison präsentieren, bevor ein zusammen mit den Gästefans ein Abgesang auf den gemeinsamen Rivalen intoniert wurde.

Nach kurzer Präsentation aller Teams (vertreten durch Kinder in den entsprechenden Trikots) sollte es dann endlich losgehen. Die Vorzeichen dabei aus rot-weisser Sicht nicht positiv: Seit 5 Jahren kein Spiel gegen die Dortmunder gewonnen, dazu seit 2012/13 kein Heimsieg mehr beim Auftaktspiel zur Liga – wie sollte das funktionieren?

Und schon nach wenigen Minuten brannte es lichterloh im rot-weissen Sechzehner: Eckball Dortmund nach nur sieben Minuten, der Ball kann nicht geklärt werden, trudelt zunächst an den Pfosten und im zweiten Nachstochern in den Kasten. Der Assistent hatte zu diesem Zeitpunkt jedoch längst die Fahne gehoben – Abseits!

Unbeirrt davon versuchte RWE, das Spiel an sich zu reißen, in dem man früh ins Pressing ging und – wie erwartet – mit dem Keeper (Lenz hatte den Vorzug von Golz (Bank) und Heller (Tribüne) erhalten) in Höhe des Mittelkreises das Spielfeld „verkleinerte“. Ich persönlich habe mir das riskanter ausgemalt als es sich im Spiel tatsächlich darstellte, jedoch merkte man durchaus, dass eine gewisse Anfälligkeit für schnelle Gegenangriffe bei „Stockfehlern“ oder misslungenen Dribblings unmittelbar gegeben war. Zwar standen Hahn und Kehl-Gomez über weite Teile der Partie souverän auf ihren Positionen, doch der eine oder andere Pass war insbesondere in Hälfte eins entweder zu schwach oder zu unpräzise gespielt, wodurch doch ein gewisse Unruhe aufkam.

Die erste echte Torchance für RWE gab es dann um die 25. Minute herum, als Dennis Grote sich aus gut 20m ein Herz nahm und einfach mal abzog – der Dortmunder Keeper jedoch nicht minder glänzend parieren konnte. Fast im Gegenzug dann aber die erneute kalte Dusche: Lenz ließ einen Distanzschuss nach vorne abklatschen, ein Gegenspieler konnte abstauben, doch erneut entschied das Schiri-Gespann auf Abseits.

Aus meiner Sicht gab es quasi im Anschluss eine Fehlentscheidung zu unseren Ungunsten: Zwar sah Marcel Platzek wegen gefährlichen Spiels zurecht die gelbe Karte, er wurde aber in derselben Szene mit voller Wucht umgestoßen, wofür man auch gut und gerne die rote Karte hätte zeigen dürfen. Insgesamt war die Linie des Unparteiischen meiner Meinung nach eher unglücklich, weil doch immer wieder besonders von den Dortmundern kleinere Hakeleien mit theatralischen Einlagen bedacht wurden (und in der Folge mit Freistößen belohnt), während beispielsweise Grote und Heber (der sogar mindestens zweimal) von hinten umgegrätscht wurde, was zwar auch Freistöße, aber keine Karten zur Folge hatte.

Nach der zweiten Trinkpause – aufgrund der anhaltenden Temperaturen von über 30 Grad Celsius gab es jeweils nach 15 und 30 Minuten in jeder Halbzeit eine – sollte dann das erste Tor der neuen Saison fallen: Heber mit einer Unsicherheit im Mittelfeld, der BVB schaltet schnell und schickt Boyamba auf die Reise, der im Laufduell nie Nase vorne hat und Lenz keine Chance lässt – 0:1, erster Dämpfer für unsere zwar engagierte, aber unglücklich agierende Mannschaft. Den Torjubel mit der „ich kann euch nicht hören“-Geste in Richtung der West hätte sich der Kapitän der Gäste jedoch sparen sollen – diese Art Unsportlichkeit gehört sich nicht, schon gar nicht, wenn zwischen den Fangruppen eigentlich zumindest Sympathie besteht.

Die auch in den vergangenen Partien immer wieder festzustellende „Abgehobenheit“ der Dortmunder Mannschaft machte sich ab diesem Treffer durch konsequentes Zeitspiel und Ballgeschiebe in der Abwehr zu bemerken – natürlich ist dies alles regelkonform und als taktisches Mittel immer eine Option, ob man es als Spitzenteam jedoch dermaßen nötig hat, ohne erkennbare Offensivambitionen den Ball immer wieder zu Innenverteidigern und Torwart zurückzuspielen – ich weiß es nicht.

So ging es also mit 0:1 in die Pause. Als Halbzeitfazit ließe sich festhalten: RWE wollte, fand aber noch nicht die richtigen Mittel, die Gäste nutzten ihre wenigen Chancen zweimal per Abseitstor und einmal „in echt“. Die linke Seite über Kefkir und Grund zwar die dominantere, jedoch Kefkir mit ziemlichen Problemen, sich dort durchzusetzen. Die Wackler in der Innenverteidigung habe ich bereits erwähnt, Grote meist von drei Gegenspielern angelaufen, Condé mit ordentlichen Ansätzen.

Unser Trainer stellte zur Halbzeit dann einiges um: Kefkir tauschte mit dem bis dahin eher blassen Endres die Seite, Condé wurde etwas zurückgezogen (quasi eine Sechs-Einhalb). Dies brachte zunächst mehr Stabilität ins rot-weisse Offensivspiel, was sich auch dadurch zeigte, das Kefkir immer wieder auf rechts anspielbar war und flanken konnte, was aber zumeist noch harmlos verlief (beste Chance Platzek drüber aus gut 5m).

Der BVB drehte weiterhin an der Uhr, die ersten Krämpfe setzten ein und immer wieder mussten Spieler nach winzigsten Zweikämpfen behandelt werden. Beinahe wäre dieses Verhalten eine Viertelstunde vor Schluss belohnt worden: Boyamba läuft Hahn davon, zieht in den Strafraum und legt in den Rücken der Abwehr ab, wo Führig den Ball quasi vom Elfmeterpunkt freistehend nur noch versenken muss, in diesem Moment kam jedoch der große Auftritt von Lenz, der diesen Ball festhalten konnte – das wäre das Ende aller Hoffnungen auf einen Punktgewinn für RWE gewesen.

Aber Karma is a bitch! Und wie:

Fünf Minuten nach der Riesenchance für die Gäste wird ein Essener knapp 25m vor dem Dortmunder Kasten gefoult, Freistoß von halb-rechts. Hahn und Condé stehen bereit, letzter schießt – und bringt die Hafenstraße mit dem ersten direkten Freistoßtreffer seit Was-weiß-ich-wann zum Beben! Ausgleich, zehn Minuten vor Schluss!

Und dieser Treffer, er setzte neue Kräfte frei: Wieder der in der zweiten Halbzeit starke Kefkir mit einer Flanke, Platzek per Kopf und kommt dann knapp gegen Oelschlägel nach dessen Abpraller zu spät. Wenig später wird Bichler schön rechts in Szene gesetzt, kann an der Torauslinie in den Strafraum ziehen, schafft es dann aber unter Druck nicht, den Ball gewinnbringend in die Mitte zu passen, wo Dahmani einschussbereit gewesen wäre.

Was folgte, war an Dramatik kaum zu überbieten. Der unmittelbar zuvor eingewechselte Dorow spielt einen langen Ball nach vorne, im Laufduell gegen zwei Dortmunder kommt Platzek im Sechzehner zu Fall und der Schiri zeigt auf den Punkt – Elfmeter! Alexander Hahn übernahm die Verantwortung für die Kugel:

Nach dem Treffer gibt es keinen erneuten Anpfiff, RWE schlägt Borussia Dortmund mit 2:1! Das Nicht-Aufgeben, es hatte sich gelohnt! Auf den Tribünen nahm der Jubel quasi kein Ende mehr, wildfremde Menschen lagen sich mit Freudentränen in den Armen, als sei es November 1989 am Checkpoint Charly! EINFACH! GEIL! Da weiß man wieder, warum man den ganzen Scheiß Jahr für Jahr mitmacht!

Ich möchte nicht zu sehr in Einzelkritiken verfallen, doch Condé nicht hervorzuheben, würde seiner überragenden Leistung ungerecht gegenüber erscheinen. Auch Grote bärenstark. Wird die Abstimmung in der Abwehr noch verbessert und das Passspiel insgesamt präziser – mehrfach Bälle ins Aus oder in den Rücken eines Mitspielers – so haben wir nach dem ersten Eindruck ein Team, das nur schwer zu schlagen sein wird. Es bleibt natürlich abzuwarten, wie andere Teams sich auf das neue rot-weisse Spielsystem einstellen werden (und wie RWE darauf reagiert). Es war nicht alles Gold, was gestern Abend an der Hafenstraße glänzte, aber es war ein solider Beginn, der Bock auf mehr gemacht hat.

Kommenden Sonntag trifft RWE im Wedaustadion auf den VfB Homberg. Vermutlich wird ein ordentlicher Tross zur Stelle sein, um die Mannschaft auch hier zum Sieg zu peitschen. Ein weiterer Erfolg wäre nicht nur aus tabellarischer Sicht wünschenswert, denn im nächsten Heimspiel wartet die nächste Zweitvertretung vom „Effzeh“ auf unser Team, das eine fünfstellige Unterstützung mit der erneut im Aufbau befindlichen Festung Hafenstraße sicher gerne annimmt.

Das Ende ist nah!

So langsam wird es Ernst: nur noch ein einziges Testspiel (gegen die Kickers aus Offenbach), dann geht es endlich wieder im Punkte. Das Ende der Sommerpause, es eilt mit großen Schritten herbei. Leider hat mich eine Schleimbeutelentzündung im linken Ellbogen (Scheiße, tut das weh!) in den vergangenen 14 Tagen zu einer Zwangspause verdonnert, sodass es hier ein wenig ruhiger wurde.

Wenn man jedoch die Kommentarspalten bei Facebook und Co. verfolgt, könnte man auch meinen, dass das Ende auch für den Verein um die Ecke steht: Wir haben nur gegen unterklassige Gegner gewonnen und gestern dann auch noch gegen einen Südwest-Regionalligisten sechs Buden kassiert. Was für ein Hühnerhaufen ist denn bitteschön unsere Abwehr? Dass wir in diesem Spiel auch direkt vierfach selbst genetzt haben, wird geflissentlich abgetan.

Aber Leute, jetzt mal im Ernst: die Dinger heißen Testspiele, weil man Sachen ausprobiert. Da spielt ein Wirtz mal rechter Verteidiger, da darf in Lucas mal als Innenverteidiger auflaufen und da wird vielleicht auch mal das Prinzip „Brechstange“ über mehr als zehn Minuten probiert. Ich sage daher: abwarten. So nach sechs bis acht Partien werden wir sehen, wohin die Reise diese Saison gehen wird. Auf Basis der Transfers und der Eindrücke, die ich aus den ersten Tests gewinnen konnte, würde ich uns deutlich dominanter einschätzen als noch vor ein paar Wochen, als wir gemeinsam das Saisonende herbeisehnten. Entspannt euch!

Doch auch ein anderes Thema heizt die Fegefeuer dieser Tage an: Marcus Uhlig legte bei der JHV dar, es handele sich bei dem Deal mit Sascha Pelhjan um ein Darlehen! Schock! Wir haben Millionenschulden! Doch ist dem wirklich so? Nein, denn in einem Darlehen können (vereinfacht gesagt natürlich) Rückzahlungsmodalitäten auch derart geregelt sein, dass nur ein Prozentsatz zurückgezahlt werden muss oder dass diese auf ein Maximum begrenzt sind. Es wird viel spekuliert: Wird jetzt doch ausgegliedert und bekommt Pelhjan dann Anteile? Warum bekommt er nun plötzlich einen Platz im Aufsichtsrat? Und überhaupt, warum gibt der Verein keine Details des Deals bekannt?

Eine Ausgliederung steht für Liga vier nach aktuellem Stand jedoch gar nicht zur Diskussion. Dass hier ein Darlehen im Raum steht und nicht etwa eine Schenkung dürfte steuerliche Gründe haben. Ein klassisches Sponsoring kommt wohl mangels Gegenleistung nicht infrage.

Und dass man von Vereinsseite jemandem, der einen großen Anteil am Etat bereitstellt, auch eine Möglichkeit zur Kontrolle einräumt – Herrgott, was spricht denn dagegen? Sicher, es ist gut, eine (irgendwann vielleicht mal anstehende) Ausgliederung kritisch zu begleiten, aber sie durch absolute Ablehnung komplett zu boykottieren, ist kein Niveau, auf dem es sich zu begegnen gilt.

Wenn auf der JHV vielleicht nicht alles optimal gelaufen ist, wie man hört, so appelliere ich doch daran, gelassener zu werden. Nicht jede Aktion dient dazu, noch mehr Macht an sich zu reißen, den Verein (und damit den eigenen Arbeitgeber!) vorsätzlich zu beschädigen oder uns Fans zu schaden. Ein wenig mehr Gelassenheit führte sicher auch dazu, dass jetzt, wo wir dank finanzieller Stabilität PLUS Naketano endlich auch am Kader positive Räder drehen konnten, nicht unnötige, weil in Unterstellung von Boshaftigkeit entstandene neue Baustellen aufgemacht werden.

Denn in meinen Augen ist doch nichts schlimmer, als wenn es sportlich jetzt vielleicht bergauf geht, dafür aber durch Positionskämpfe jenseits des Platzes die Mannschaft wieder verunsichert würde.

So, ich schone jetzt wieder meinen Arm – denn bald naht noch etwas anderes: das Ende meines Urlaubs. Und dann brauche ich den Arm zum Jubeln. Wir sehen uns am ersten Spieltag!

NUR DER RWE!