Pflichtsieg

Puh, durchatmen.

Der geneigte RWE-Fan neigt immer auch ein wenig zum Fatalismus, und so waren es nicht wenige, die in den diversen Foren und Facebook-Gruppen schon das nächste Unentschieden, wenn nicht sogar die nächste Niederlage für unser Team vorhersagten. Dank einer soliden, wenn auch nicht überragenden Leistung konnte dies aber verhindert werden – auch, weil Kai Pröger endlich mal seine Leistung krönen konnte.

Westfalia Rhynern versteckte sich nicht und konnte in den ersten Minuten direkt die eine oder andere Szene herausarbeiten. Diese Angriffe konnten jedoch zumeist im Keim erstickt oder zumindest zu Ecken geklärt werden (die man gegen stärkere Gegner vielleicht besser vermeidet?). Nach einer dieser Situationen spielte Zeiger einen langen Ball auf die linke Seite, wo Platzek seinen Körper zwischen Ball und Gegenspieler stellte und dann den Sprint anzog. In letzter Sekunde gelang es ihm, den Ball auf den rechts mitgelaufenen Pröger zu verlängern, der in den Strafraum zog und aus spitzem Winkel das tat, was sich einer der Diskussionspartner von Welling nach dem Wegberg-Spiel (s. Youtube-Video) wünschte: „Es muss doch mal einer die Eier in die Hand nehmen und einfach draufwichsen!“ – 1:0! Da war es endlich, das erste Tor für den zu Saisonbeginn begeisternden Neuzugang, der im Schatten der vergangenen Partien aber immer weniger Selbstvertrauen ausstrahlte.

Nur etwa fünf Minuten später war es der heute unglücklich agierende Unzola, der Rhynern ins Spiel zurückbrachte. Der Ex-Bundesligaprofi Gambino zog in den RWE-Strafraum und nahm Unzolas im Weg stehendes Bein dankend an – Elfmeter. Diesen verwandelte Rhynern unhaltbar ins linke obere Eck (vom Schützen aus) – ob Heller noch dran war, vermag ich nicht zu beurteilen. Wenig später war ein Stürmer der Gäste Zeiger davongelaufen, doch im letzten Moment konnte der Rückstand verhindert werden. Der sonst nach Gegentoren so deutliche Bruch im Essener Spiel blieb jedoch aus und das Team knüpfte schnell an die ordentliche Leistung der ersten Minuten wieder an.

Dann war es erneut die Achse Platzek – Pröger, die zum Erfolg führte. Platzek setzte sich auf der rechten Seite durch, zog parallel zur Torauslinie Richtung Tor und spielte einen Flachpass, den ein Rhynerner Verteidiger über den eigenen Keeper hinweg aufs lange Eck abfälschte, wo Pröger sich mit aller Wucht in den Ball und das Tor warf – 2:1! Sekundenlang blieb er vor der „West“ jubelnd im Netz liegen. Mit dieser Führung ging es dann in die Pause, nach der Unzola durch Urban ersetzt wurde. Zu Unzola liegt mir etwas am Herzen: Klar, er hat heute in drei oder vier Szenen den Ball über die Seitenauslinie gestolpert. Ihn dafür aber mit höhnischem Applaus zu bedenken oder ein Raunen durchs Stadion gehen zu lassen, wenn er nur in die Nähe des Balles kommt, führt wohl kaum dazu, dass dem Spieler der Rücken gestärkt wurde (Höhepunkt dabei für mich der „Senior“, der nach einem Knochenpass von Zeiger auf Unzola aus dem Fluchen kaum noch herauskam…)

Gute zehn Minuten nach Wiederanpfiff dann Teil 3 der Pröger-Show: Flanke von links, in der Mitte springt Platzek unter dem Ball durch, dieser springt auf und landet vor den Füßen unseres Blondschopfes, der seinen dritten Treffer mit einem Handstandüberschlag (@Reviersport: Ihr als Sportmagazin solltet das von einem Doppel-Salto unterscheiden können!) feiert. So wollen wir ihn sehen!

Was dann folgte, würde ich unter „Verwaltung“ verbuchen. Leider verpasste es RWE in dieser Phase, das Ergebnis trotz bester Chancen noch weiter auszubauen. Bednarski verfehlte das leere Tor aus gut 5m nach feiner Vorarbeit vom heute hervorragenden Platzek, und ebendieser scheiterte mit einem Kopfball nach präziser Flanke seines Sturmkollegen an einem Reflex des Gästekeepers.

Eine gute Viertelstunde vor Schluss blühte dann eine verschollen geglaubte Tradition aus besseren Zeiten auf: Da auf der West so etwas wie Grabesstimmung vorherrschte (man hörte zeitweise sogar die zwanzig Männekes auf der Gästetribüne!), entschied sich ein Trüppchen, die Gäste bei jedem Ballbesitz auszupfeifen und -buhen, bei RWE-Pässen folgten analog dazu „HEY!“-Rufe. In dieser Phase kombinierte sich RWE Stück für Stück nach vorne, erneut passte Pröger in die Mitte, wo diesmal ein Rhynerner so freundlich war, den Ball im Netz unterzubringen. 4:1, auch in dieser Höhe durchaus verdient.

Rhynern war an diesem Abend einfach zu „lieb“, zu wenig aggressiv, um RWE ernsthaft unter Druck zu setzen. Trotzdem schaffte es das Team immer wieder, sich in Richtung RWE-Strafraum durchzuspielen. Gegen stärkere Gegner muss dies unbedingt wieder in den Griff bekommen werden, ebenso die hohe Zahl der zugelassenen Eckbälle aufs eigene Tor.

Mir persönlich taten die Gästefans leid, die sicher eine bessere Hafenstraßen-Atmosphäre verdient gehabt hätten. Leider scheint dies in der aktuellen Lage nicht realistisch. Trotzdem schien das Trüppchen sich selbst und sein Team ordentlich zu feiern (inklusive Handy-Licht-„Pyroshow“) und sparte dabei nicht an einer gehörigen Portion Selbstironie – Transparent „Hurra, das ganze Dorf ist da“ und „Wir woll’n euch kämpfen seh’n“-Gesänge inklusive. Irgendwo zwischen „sympathisch“ und „anbiedernd“ mutete dabei der Gruß „Das Dorf grüßt den Deutschen Meister 55“ an, das unter anderen Vorzeichen und bei entsprechender Präsentation in bester VfL Herzlake-Art für Applaus auch aus den rot-weissen Blöcken gesorgt hätte.

Mann des Abends mit drei Treffern und einer Vorbereitung natürlich Kai Pröger. Ich hoffe, dass er diese Dynamik auch in den kommenden Spielen wieder zeigen und den einen oder anderen Treffer nachlegen kann. Platzek mit einem wahnsinnigen Laufpensum, aber auch Grund mit einer ganzen Reihe guter Flankenläufe. Auffällig aber in dieser Partie auch, dass Baier wieder deutlich präsenter auf dem Platz war als noch gegen Wiedenbrück und Wegberg.

Dieser Sieg war natürlich Pflichtprogramm, ob er auch für Sven Demandt in puncto Arbeitsverhältnis für Entspannung sorgt, bleibt jedoch abzuwarten. Für RWE geht es auf jeden Fall kommenden Samstag in Mönchengladbach darum, auch auswärts endlich mal zu gewinnen. Mit einer seriösen Leistung wie heute scheint dies nicht unmöglich, wenn die Aufgabe dort auch ungleich schwieriger erscheint.

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